Im Rahmen unserer Serie “People who rock the industry” haben wir André Lindemann, Präsident des BDÜ (Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V.) interviewt. Die Englische Übersetzung ist hier verfügbar.
Hallo André. Vielen Dank für Ihre Zusage für dieses Interview. Können Sie uns etwas über Ihren Background und Ihre Karriere erzählen? Wer sind Sie und wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?
Ich bin unweit der deutsch-polnischen Grenze in der Mark Brandenburg aufgewachsen, wo ich auch jetzt wieder meinen Lebensmittelpunkt habe. Mittlerweile bin ich in der zweiten Hälfte meines Lebens angelangt, glücklich verheiratet und habe einen inzwischen erwachsenen Sohn.
Ursprünglich wollte ich nach meiner Schulzeit ein Studium der Kriminalistik aufnehmen. Dann habe ich mich Anfang der 80er Jahre von meinem zukünftigen Dienstherrn – dem Innenministerium der ehemaligen DDR – überreden lassen, es doch mit einem Hochschulstudium zum Diplom-Sprachmittler (Dolmetscher und Übersetzer) zu versuchen, welches ich an der Universität Leipzig 1986 für die Sprachen Polnisch und Russisch abgeschlossen habe. Anschließend habe ich im Innenministerium bis Ende 1990 für alle Bereiche des Ressorts (Polizei, Strafvollzug, Feuerwehr usw.) gedolmetscht und übersetzt. Nach der politischen Wende und einer dreijährigen Phase des ständigen Arbeitsplatzwechsels und der beruflichen Orientierung bin ich letztendlich im Jahr 1994 wieder als angestellter Dolmetscher und Übersetzer bei der Polizei gelandet.
Sie sind Dolmetscher und Übersetzer bei der Polizei des Landes Brandenburg und nebenher selbstständig tätig. Können Sie uns einen typischen Tagesablauf beschreiben?
Wenn keine Dolmetscheinsätze außerhalb der üblichen Bürodienstzeiten oder des Sitzes der Dienststelle anstehen, fahre ich morgens über die Grenze nach Polen in mein Büro im Gemeinsamen Zentrum der deutsch-polnischen Polizei- und Zollzusammenarbeit in Świecko und unterstütze dort mit meinen Übersetzungen die Kollegen im internationalen polizeilichen Rechtshilfeverkehr oder bei der Koordinierung der deutsch-polnischen polizeilichen Zusammenarbeit. Mehrmals wöchentlich sind Gespräche, Arbeitsberatungen, Konferenzen und Fortbildungsveranstaltungen mit Vertretern polnischer und deutscher Sicherheitsbehörden (Polizei, Grenzschutz, Zoll, Staatsanwaltschaften etc.) zu dolmetschen. An meiner beruflichen Tätigkeit liebe ich gerade diese Abwechslung zwischen dem Dolmetschen und Übersetzen besonders.
Die nebenberufliche selbstständige Tätigkeit ist bei mir derzeit auf das Wahrnehmen von Terminen zum Dolmetschen bei Gerichten und das Übersetzen für einige wenige Stamm- und Neukunden beschränkt.
Den überwiegenden Teil meiner Freizeit widme ich meiner Arbeit für den BDÜ. Wie die gesamte Branche befindet sich auch der Verband in einer Phase des Wandels, den ich durch meine Tätigkeit aktiv mit gestalten darf. Die kollegiale Zusammenarbeit in den Verbandsgremien in nahezu familiärer Atmosphäre bringt mir – verbunden mit den meist positiven Ergebnissen der Arbeit, eine extrem große Zufriedenheit.
Ihre Fremdsprachen sind Russisch und Polnisch. Warum nicht auch Englisch? Wie kommt man heute, in 2013, in diesem Beruf ohne Englisch zurecht?
Mittlerweile arbeite ich als Dolmetscher sogar nur noch mit einer Arbeitsfremdsprache – Polnisch. Ich fertige zwar noch Übersetzungen aus der russischen Sprache an, bin dort aber nicht mehr als Dolmetscher tätig, weil mir nach Jahrzehnten ohne entsprechende Tätigkeit die notwendige Praxis fehlt.
In der beruflichen Praxis komme ich ganz gut ohne Englisch zurecht, dort habe ich es fast ausschließlich mit deutschen und polnischen Polizeibediensteten zu tun. Anders sieht es in meiner ehrenamtlichen Tätigkeit für den BDÜ aus, in der mein Englisch gerade bei internationalen Treffen und Konferenzen nicht immer ausreicht und leider die wenigsten Teilnehmer Polnisch sprechen. Deshalb versuche ich gerade, meine Kenntnisse der englischen Sprache ein wenig aufzufrischen. In wichtigen Gesprächen vertraue ich dann aber immer auch auf die Unterstützung eines kompetenten Dolmetschers.
Sie sind Präsident des BDÜ. Können Sie uns etwas über den BDÜ erzählen – seine Ziele, Strukturen und Aufgaben?
Der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ) ist mit über 7.000 Mitgliedern der größte deutsche Berufsverband der Branche. Er repräsentiert etwa 80 Prozent aller organisierten Übersetzer und Dolmetscher in Deutschland und ist Ansprechpartner für Politik, Industrie, Handel sowie bei allen Fragen bezüglich der Aus- und Weiterbildung von und für Sprachmittler. Erfahrene Mitglieder des Verbandes treten beispielsweise auch als Gutachter für Übersetzungen, als Prüfer an staatlichen Prüfungsämtern oder als Berater bei der Entwicklung neuer Fachausbildungen auf.
Der BDÜ vertritt seit über 50 Jahren die Interessen von professionellen Dolmetschern und Übersetzern. Als Dachverband repräsentiert der BDÜ-Bundesverband mit Sitz in Berlin die ihm angeschlossenen 13 Mitgliedsverbände. Die Mitgliedsverbände arbeiten auf Ebene der Bundesländer oder berufsgruppenorientiert wie zum Beispiel der „Verband der Konferenzdolmetscher e.V. (VKD) im BDÜ“. International ist der BDÜ mit europäischen Organisationen wie z. B. EULITA oder FIT Europe sowie dem Weltdachverband der Übersetzer FIT, und der CIUTI vernetzt.
Wie sind Sie zu dieser Position als Präsident des BDÜ gekommen?
Die einfache Antwort auf diese Frage wäre, dass mich die Mitgliederversammlung des Verbandes in diese Funktion gewählt hat. Allerdings engagiere ich mich schon sehr lange in der Verbandsarbeit: Ich bin seit 1993 Mitglied im BDÜ und habe zwei Jahre später meine „Karriere“ im Landesverband Berlin-Brandenburg begonnen, wo ich bis Januar 2009 in verschiedenen Funktionen, zuletzt als Vorsitzender des Landesverbandes, tätig war. Ein paar Monate später wurde ich in den Bundesvorstand des Verbandes gewählt, habe mich dort insbesondere um die Bereiche des Dolmetschens und Übersetzens im juristischen Bereich sowie die Tätigkeit der angestellten Dolmetscher und Übersetzer gekümmert. Im April 2011 in Speyer wurde ich dann zum Präsidenten des BDÜ gewählt.
Können Sie uns etwas über die Petition zur Erhöhung der Honorare und Vergütungen der für die Justiz tätigen Dolmetscher und Übersetzer und Ihr Engagement dafür erzählen?
Der BDÜ und die anderen deutschen Berufsverbände kämpfen seit Jahrzehnten um eine auskömmliche Vergütung der Dolmetscher und Übersetzer – sowohl derjenigen, die für die Justiz tätig sind, als auch derjenigen, die in anderen Bereichen tätig sind. Wir haben in den letzten Jahren in Vorbereitung der Novelle des Justizvergütungs- und –entschädigungsgesetzes (in dem Gesetz wird unter anderem die Vergütung von Dolmetschern und Übersetzern geregelt, die von den Justiz- und Strafverfolgungsbehörden hinzugezogen werden) unsere inhaltlichen Positionen erarbeitet und abgestimmt, unzählige Gespräche mit Ministerien und Abgeordneten geführt und immer wieder Argumentationen zur Untermauerung unserer einzelnen Positionen dargelegt.
Allein im Justizbereich ist die Vergütung für die freiberuflich tätigen Kolleginnen und Kollegen in Deutschland gesetzlich geregelt, weshalb die Vertretung der Interessen unserer Mitglieder hier besonders wichtig ist. Davon kann eine gewisse Signalwirkung für die gesamte Branche ausgehen..
Nachdem unsere Forderungen in den veröffentlichten Gesetzentwürfen nur unzureichend Berücksichtigung fanden, wurde nach weiteren Wegen der Einflussnahme auf die politischen Entscheidungsträger gesucht und dabei erstmals auch eine e-Petition beim Deutschen Bundestag eingereicht. Aufgrund der mangelnden Erfahrung und der schwierigen Mobilisierung einer in Deutschland eher kleinen Branche bin ich mit dem Ergebnis nicht ganz unzufrieden: Immerhin haben 4.915 Mitzeichner die Petition unterstützt.
Darüber hinaus haben sich nach meiner Kenntnis erstmals in der Geschichte auch sehr viele einzelne Dolmetscher und insbesondere betroffene Übersetzer mit persönlichen Schreiben an Abgeordnete und Ministerien gewandt und so den Druck auf die Politik noch einmal erhöht.
Wir können in den letzten Jahren Fortschritte in der Wahrnehmung der Branchenvertreter durch die Politik verzeichnen. Inzwischen fragen Politiker aus eigener Initiative nach der Expertise unseres Verbandes, wenn es um unsere berufliche Tätigkeit geht. Erstmals wurde in der Person des BDÜ-Präsidenten auch ein Vertreter des Berufsstandes zu einer öffentlichen Anhörung im Bundestag geladen.
Die weiteren Beratungen des Bundestags zu dem Gesetzespaket am 16. Mai werden zeigen, inwieweit die Interessenvertretung für unsere Mitglieder Früchte getragen hat. Ich bin nach uns vorliegenden aktuellen Informationen zuversichtlich, dass die Ergebnisse dieser Arbeit im für den Frühsommer avisierten Gesetz für viele Kollegen zumindest eine spürbare Verbesserung der Vergütung bringen werden, auch wenn diese naturgemäß etwas hinter den durchaus hochgesteckten Zielen zurückbleibt und möglicherweise nicht alle zufriedenstellen wird.
Wie reagieren Sie als Verband auf die zunehmende Globalisierung und den dadurch entstehenden Druck auf die Preise?
Die Globalisierung der Wirtschaft bietet unserer Branche zunächst einmal auch viele Vorteile. Denn alle diejenigen, die etwas exportieren oder importieren wollen, müssen hierfür mit ihren ausländischen Partnern kommunizieren. Darüber hinaus müssen auch Verträge, Betriebsanleitungen und vieles andere mehr von einer Sprache in die andere übertragen werden. Dafür braucht man qualifizierte Kräfte, und alle Prognosen gehen davon aus, dass im Bereich der Sprachmittlung weiterhin ein jährliches Wachstum von 10% zu erwarten ist. Das ist die eine Seite. Aber natürlich nimmt mit der Globalisierung auch der Kampf um die Aufträge zu, so dass tatsächlich die Preise unter Druck geraten sind. Auf den deutschen Markt und dessen Preise hat dies allerdings nach eigenen Untersuchungen nur bedingt Einfluss. Die Honorarumfragen des BDÜ in den letzten Jahren zeigen eher stabile Preise bzw. leicht steigende Honorare.
Zu den wichtigsten Aufgaben eines Berufsverbandes gehört für uns die Information der Öffentlichkeit und insbesondere der potentiellen Auftraggeber über die Bedeutung der Qualität von Sprachdienstleistungen, die Möglichkeiten der Suche nach einem qualifizierten Sprachmittler, die Vorteile von hausinternen Sprachdiensten und die Gefahren von maschinellen Übersetzungen. Daneben legen wir im Verband großen Wert auf die Fortbildung unserer Mitglieder, vor allem im unternehmerischen Bereich. Insgesamt bietet der BDÜ jährlich weit mehr als 250 verschiedene Weiterbildungsveranstaltungen an. Als Verband haben wir festgestellt, dass diejenigen Kolleginnen und Kollegen am erfolgreichsten sind, die für sich eine klare Spezialisierung benennen können, sich mit dieser entsprechend auf dem Markt positionieren und ein unternehmerisches Bewusstsein haben. Daher arbeiten wir daran, die unternehmerischen Kompetenzen unserer Mitglieder beständig zu verbessern und sie auf ihrem Weg in die Spezialisierung zu unterstützen.
Was unternehmen Sie als deutscher Verband oder zusammen mit anderen Verbänden, damit sich Übersetzer besser auf dem internationalen Markt positionieren können?
Der BDÜ stellt seinen Mitgliedern zum Beispiel vielfältige Möglichkeiten eines allgemeinen bzw. kundengruppenspezifischen Marketings über die Online-Suche auf der Internetseite des Verbandes oder diverse Fachlisten von spezialisierten Dolmetschern und Übersetzern zur Verfügung. Andererseits verstärkt der Verband seine Angebote zur Fortbildung gerade auf dem Gebiet der unternehmerischen Basiskompetenz seiner Mitglieder. So wurden ihnen zum Beispiel im vergangenen Jahr zwei Reihen kostenfreier Webinare zu verschiedenen Themen wie Kalkulation, Angebotserstellung, Preisverhandlungen und ähnlichem angeboten.
Wie sehen Sie den deutschen Übersetzungsmarkt?
Auch wenn Deutschland nicht mehr Exportweltmeister ist, so spielt der Export nach wie vor eine sehr große Rolle für die deutsche Wirtschaft. Daraus folgt natürlich auch ein hoher Übersetzungsbedarf, wobei der Zeitfaktor immer mehr zum entscheidenden Element wird. Denn oft müssen Übersetzungen von Handbüchern, Bedienungsanleitungen oder Webseiten in mehreren Sprachen zeitnah und gleichzeitig fertig sein.
Im Gegensatz zu den Übersetzungsmärkten mancher anderer Länder ist der deutsche Übersetzungsmarkt trotz dieser Anforderungen immer noch sehr stark fragmentiert, das heißt, es gibt sehr viele Einzel- oder Kleinstunternehmen und nicht ganz so viele große Unternehmen. Dies zeigt auch die Statistik, wonach von den laut Mikrozensus etwa 38.000 Dolmetschern und Übersetzern in Deutschland mehr als die Hälfte aller Übersetzer selbstständig tätig ist und alleine arbeitet. Aber gerade um auf die oben dargestellten Anforderungen aus der Wirtschaft qualifiziert reagieren zu können, wird es zunehmend notwendig sein, Netzwerke zu bilden und genau hierbei kann die im Verband mögliche Vernetzung den notwendigen Wettbewerbsvorteil bieten.
Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft der Übersetzer und Dolmetscher aus?
Natürlich habe ich keine Kristallkugel, in der ich die Zukunft sehen kann. Aber wohin die Reise in der Zukunft gehen wird, wurde bereits angesprochen. Wir gehen davon aus, dass der Markt der Sprachdienstleistungen bei fortschreitender Globalisierung weiterhin dynamisch wachsen wird. Damit wird sich die beschriebene Tendenz des wachsenden Termin- und Kostendrucks und somit eines zunehmenden Wettbewerbs fortsetzen.
Für die heutigen und zukünftigen Übersetzer und Dolmetscher wird es darauf ankommen, mit einer fundierten sprachlichen und translatorischen Ausbildung als qualifizierte Übersetzer und/oder Dolmetscher ihre Arbeit richtig machen zu können. Hinzu kommt die fachliche Spezialisierung, was auch das Prinzip des „Lifelong Learning“ mit einschließt. Und als Drittes ist die Bereitschaft zu nennen, entweder projektbezogen oder dauerhaft in multilingualen und leistungsübergreifenden Netzwerken zusammenzuarbeiten und das eigene unternehmerische Profil so dem Markt anzupassen, dass sie dem Kunden einen höheren Mehrwert anbieten und sich selbst ein auskömmliches Einkommen sichern können. Denn in einem Punkt bin ich mir sehr sicher: trotz der Tatsache, dass praktisch jeder irgendwie in Englisch kommunizieren können wird, und trotz immer besserer maschineller Übersetzungstools wird man IMMER diejenigen brauchen, die zuverlässig und kompetent zwischen zwei Sprachen und damit auch zwischen zwei Kulturen vermitteln können.
The Cracow Translation Days will be held from 6–8 September 2013.

Im Januar 2012 hatte ich für das Jahr 2011/2012 folgende Aussagen gemacht: