Die Stinging Nettle scheint ihrem Namen alle Ehre gemacht zu haben.
Ich war erstaunt, wie viele bösartige, ja sogar teilweise beleidigende Kommentare und Mails wir seit Beginn dieser Aktion erhalten haben. Es ist interessant, wer sich alles auf den Schlips getreten fühlte. Aber egal, hier die versprochene Auflösung:
Wer Übersetzungen im Bereich Medizintechnik anfertigt, sollte sich bewusst sein, dass in dieser Industrie viele Standards (DIN/EN/ISO etc.) einzuhalten sind. Diese Standards schreiben oft auch den genauen Wortlaut für bestimmte Segmente vor. Wir hatten bisher von Übersetzern erwartet, dass sie erkennen, ob ein Textteil einem Standard unterliegt/unterliegen könnte, und entweder entsprechend recherchieren oder sich an uns wenden und nachfragen. In diesem speziellen Fall wären das die DIN EN 980:2008-08 “Symbole zur Kennzeichnung von Medizinprodukten; Deutsche Fassung” und der Normentwurf zur DIN 6877-1:2007-12 “Magnetresonanzeinrichtungen für die Anwendung am Menschen – Teil 1: Kennzeichnungsvorschriften für Gegenstände im Kontrollbereich” gewesen.
“Keller”, obwohl er kein auf Medizintechnik spezialisierter Übersetzer ist, hat einen Vorschlag eingestellt, der weitgehend den Vorschriften dieser Normen entspricht und sich damit die 50 Euro verdient. “S.W” (übrigens auch kein medizinischer Übersetzer) und “AL” haben zwar erkannt, dass es sich um Texte handelt, die wahrscheinlich in Standards festgelegt sind, haben aber leider keine kompletten Vorschläge abgegeben. Interessant fand ich auch den Beitrag von “Michael”, der kein Übersetzer ist, aber einen Vorschlag eingestellt hat, der sich qualitativ von vielen anderen Vorschlägen nicht unterscheidet .
(Alle Übersetzungsvorschläge von den Teilnehmern finden Sie hier und hier)
Was konnten wir daraus lernen:
Keiner der Übersetzer, die geantwortet haben, kannte die Standards. Einige hätten die Standards wohl beim Recherchieren gefunden und richtig übersetzt. Die Mehrheit hätte die Segmente wahrscheinlich einfach “falsch” übersetzt. Bei unseren Diskussionen ist uns aufgefallen, dass uns während unserer Zeit als Freelancer nie eine Agentur darauf hingewiesen hat, dass ein bestimmter Textabschnitt in einem Standard festgelegt ist, bzw. uns diese Standardübersetzungen zur Verfügung gestellt hat (dies gilt übrigens nicht für Pharma-Texte, dort wird dies von einigen Agenturen gemacht).
Daher sind wir zu der Überlegung gekommen, in Zukunft bei unseren Projekten die Übersetzer zu informieren, dass ein bestimmter Standard zur Anwendung kommt, bzw. die entsprechenden Texte zur Verfügung zu stellen.
Zum Schluss möchte ich mich noch bei allen Teilnehmern bedanken. Wir haben einiges lernen können und hoffen, dass auch die Übersetzer in Zukunft mehr auf die regulatorischen Vorgaben im Bereich Medizintechnik achten und sich entsprechend weiterbilden.
Um einiges zu klären – das sind keine Probeübersetzungen, sondern mehr eine Art “Umfrage”, wie Übersetzer mit manchen Themen umgehen. Dies hilft uns, unsere Arbeitsabläufe zu optimieren. Hier wurde jetzt einfach klar, dass vielen Übersetzern entweder nicht klar ist, dass es Standards gibt, oder den Text nicht als Standardtext erkennen, und wir als Agentur da etwas tun müssen. Das war mir persönlich so nicht klar, da ich mich schon seit Jahren viel mit Standards beschäftige und eigentlich dachte, dass die Thematik bei unseren Kollegen präsenter wäre, was jedoch leider nicht der Fall ist. Als Agentur haben wir von keinem unserer Übersetzer eine Probeübersetzung verlangt. Ich halte da nicht so viel davon. Übersetzer lassen sich auch ohne Probeübersetzung beurteilen. Manche Endkunden verlangen, dass wir Probeübersetzungen für sie machen, dafür habe ich auch viel Verständnis, bei dem Mist, der oft produziert wird, aber in diesen Fällen geben wir die Übersetzungen als ganz normale Aufträge an unsere Übersetzer.
Ansonsten bin ich der Meinung, dass Übersetzen Teamarbeit ist, und das Ziel darin besteht, dem Kunden eine optimale Übersetzung zu liefern. D. h. auch, dass niemand in dem Team (immer) perfekt sein muss, da das Team als Ganzes stabil genug ist, um einzelne Schwächen auszubügeln. Unsere “Umfragen” dienen genau dazu, herauszufinden, in welchem Bereich Schwächen bestehen und Lösungen dafür zu finden.
Die nächste “Probeübersetzungs-Umfrage” ist schon geplant, und wir würden uns freuen, wenn Sie wieder oder erstmalig daran teilnehmen würden!



Ein anderer Weg, den Mangel an spezialisierten Übersetzern auszugleichen, besteht in der zunehmenden Technisierung der Übersetzungsprozesse. Hier sind die Übersetzer, die Agenturen und auch die Endkunden mit einer steigenden Zahl von Angeboten konfrontiert, die alle versprechen, die Produktivität und die Qualität der Übersetzungen zu verbessern und, was außerdem gerne betont wird, die Kosten zu senken. Prinzipiell gibt es da drei verschiedene Arten von Systemen, die offenen Systeme (wie SDL Trados oder MemoQ), geschlossene Systeme, wie z. B. Across und die komplett webbasierten System, wie z. B. (Translation Workspace von Lionbridge/Geoworkz). Ich möchte hier für kein System Partei ergreifen, aber für mich sind neben den übersetzungsspezifischen Funktionen zwei Punkte entscheidend. Das System muss es ermöglichen, auch Spezialisten, die das System nicht besitzen, in den Workflow einzubinden. Das mag in anderen Fachgebieten nicht so wichtig sein, im Pharma-/Medizintechnikbereich ist es von extremer Bedeutung. Der zweite Punkt betrifft die Rückverfolgbarkeit (Traceability). Dies ist ein Schlüsselkonzept in der Qualitätssicherung der GxP-Industrien und sollte deshalb auch von allen Sprachdienstleistern, die für diese Branchen arbeiten, konsequent umgesetzt werden.
