Armbruster, Siegfried (2011). Medizinische Übersetzer – keine Ausnahmen von der Regel Veröffentlicht in: BW polyglott, November 2011, Ausgabe 2, S. 20
Die Sicht einer kleinen, hochspezialisierten Übersetzungsagentur
Pharma- und Medizintechnikunternehmen sind in besonderem Maße regulatorischen Vorgaben unterworfen. Projekt-Verzögerungen oder Übersetzungsfehler können schwerwiegende und kostspielige Konsequenzen haben. Deshalb sind Unternehmen aus den GxP-Branchen, die die Richtlinien für „gute Arbeitspraxis” befolgen (müssen), – Großunternehmen ebenso wie zertifizierte Übersetzungsagenturen – auf der Suche nach der „eierlegenden Wollmilchsau” der Übersetzungsbranche – dem medizinischen Fachübersetzer.
Idealerweise sollten medizinische Übersetzer linguistische Kompetenz, medizinisches, pharmakologisches und technisches Fachwissen, Kenntnisse der relevanten regulatorischen Verordnungen, Vorschriften und Standards sowie Kenntnisse der gängigen CAT-Tools (CAT = Computer assisted translation) etc. besitzen, und nach ISO 9001 und EN 15038 zertifiziert sein.
Linguistische Kompetenz
Über die erforderlichen linguistischen Kompetenzen eines Übersetzers lässt sich diskutieren, aber nach EN 15038 muss mindestens eine der folgenden Voraussetzungen erfüllt sein:
- Formale höhere Übersetzungsausbildung
- Vergleichbare Ausbildung in einem anderen Fachbereich mit mindestens zwei Jahren dokumentierter Übersetzungserfahrung
- Mindestens fünf Jahre dokumentierte professionelle Übersetzungserfahrung
In EN 15038 sind auch andere Kompetenzen festgelegt, wie sprachliche und textliche Kompetenz in der Ausgangs- und Zielsprache, die kontinuierliche berufliche Weiterbildung oder die Kompetenzen auf dem Gebiet der Recherche.
Fachkompetenz
Wie bei den medizinischen Berufen gibt es auch bei medizinischen Übersetzern unterschiedliche Spezialisierungen. Wer sich auf die Übersetzung von Beipackzetteln und Fachinformationen konzentriert, ist nicht unbedingt dafür geeignet, eine Benutzeroberfläche für ein Bildarchivierungsund Kommunikationssystem zu lokalisieren, und Spezialisten für klinische Fragebögen kennen sich nicht notwendigerweise mit chirurgischen Instrumenten aus. Ich behaupte nicht, dass man ohne medizinische Ausbildung keine guten medizinischen Übersetzungen erstellen kann. Wer aber auf Terminologie-Seiten im Internet im Kontext eines orthopädischen Textes über Wirbelsäulenchirurgie zum Beispiel den englischen Begriff „cervical” dem Gebärmutterhals zuordnet oder in einer Übersetzung schreibt „Bei Diabetikern besteht das primäre Behandlungsziel darin, möglichst niedrige Blutzuckerwerte zu erzielen”, zeigt, dass ihm jegliches Verständnis für den Inhalt des Ausgangstextes fehlt. Dies könnte im zweiten genannten Beispiel erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen, sprich Unterzuckerung mit nachfolgendem Zuckerschock bis hin zum Tode. Eine regelmäßige Weiterbildung und fundierte Recherchekenntnisse sind deshalb unabdingbar, um sich das entsprechende Fachwissen anzueignen bzw. zu erhalten.
Als hochspezialisierte Übersetzungsagentur für Medizin sind wir immer bestrebt, „den” Spezialisten zu finden, und Übersetzer, die in ihrem Profil angeben, dass sie in Recht, Finanzen, Marketing, Tourismus und Medizin spezialisiert sind, kommen gar nicht erst in die engere Auswahl.
Regulatorische Kenntnisse
Im regulatorischen Bereich haben Übersetzer wie Übersetzungsagenturen noch Nachholbedarf. Viele Normen und Richtlinien schreiben den genauen Wortlaut für Übersetzungen vor, und Diskussionen, ob eine andere Übersetzung besser klingt als der vorgeschriebene Wortlaut, sind unnötig. Der Kunde muss das übersetzte Dokument womöglich bei einer Zulassungsbehörde einreichen und jede Abweichung vom vorgeschriebenen Wortlaut kann zur Ablehnung führen und erhebliche Kosten verursachen.
Regulatorische Vorgaben können sich ändern. So wurden zum Beispiel kürzlich die Standardtexte für Medikamentenbeipackzettel geändert. Übersetzer, die sich nicht regelmäßig auf der Website der Europäischen Arzneimittelbehörde (www.ema.europa.eu) über Änderungen informieren, laufen Gefahr, „falsche” Übersetzungen zu liefern. Dies ist nur ein Beispiel für regulatorische Vorgaben. Die US-Norm ASTM 2503-05 schreibt unter anderem vor, dass Produkte, die nur unter bestimmten Bedingungen in MRT-Um-gebungen (MRT = Magnetresonanztomographie) betrieben werden können, mit „MR conditional” zu kennzeichnen sind. Wer das nicht weiß (oder recherchiert), wird kaum die Übersetzung „Bedingt MR-sicher” verwenden, die im Entwurf der DIN 6877-1:2007-12 (Magnetresonanzeinrichtungen für die Anwendung am Menschen) vorgeschrieben ist.
CAT-Tools
Übersetzungskosten zu senken, wird oft als der wichtigste Grund für die Verwendung von CAT-Tools genannt. Gerade in den regulierten Branchen ist die Konsistenz der Übersetzungen jedoch viel wichtiger. In einem Projekt für ein Pharmaunternehmen fanden wir zum Beispiel bei einem Medikament, das in sechs verschiedenen Konzentrationen zugelassen ist, bis zu vier verschiedene Übersetzungen für die gleichen Ausgangssätze. Für die Umstellung der Dokumentation von einem dokumentenbasierten System auf ein Content-Management-System müssen diese Übersetzungen konsolidiert werden. Dies verursacht nicht nur einen erheblichen Aufwand bei der Datenkonvertierung; die Dokumente der Medikamente, die von den Änderungen betroffen sind, müssen in ihrer geänderten Form auch von den Zulassungsbehörden genehmigt werden. Mit kundenspezifischen Translation-Memory-Systemen können CAT-Tools dieses Problem minimieren und dadurch Kosten einsparen, die die Kosten für die Übersetzung um ein Vielfaches übertreffen.
Rollen und Aufgaben
Um als medizinischer Übersetzer oder Übersetzungsagentur mit Schwerpunkt Medizin im aktuellen Umfeld erfolgreich zu sein, müssen wir uns vom klassischen Rollenverständnis des Übersetzers verabschieden.
Betrachten wir einmal die Übersetzung eines medizinischen Fragebogens für eine klinische Studie (in der Ausgangssprache 482 Worte). Klar, werden viele denken, die Übersetzung kann ich in ein paar Stunden machen. Aber diese Übersetzung ist nur ein Baustein im ganzen Ablauf der Lokalisierung des Fragebogens. Schon vor Projektbeginn wird in unserer Agentur jeder Satz und jeder Begriff in einer „Begriffsanalyse” erläutert (2123 Worte). Anschließend wird der Fragebogen von zwei spezialisierten Übersetzern übersetzt. Ein Projektkoordinator beurteilt die beiden Vorwärtsübersetzungen (Bewertung der Übersetzung) und erstellt daraus eine konsolidierte Übersetzung. In der Vorwärtsüber-setzungsanalyse (2586 Worte) begründet er für jedes Segment, warum er die eine oder andere Übersetzung bevorzugt oder eine dritte Übersetzung vorschlägt. Diese Version wird durch einen Rückübersetzer zurück in die Ausgangssprache übersetzt. Die Rückübersetzung wird dann vom Auftraggeber mit dem Ausgangstext verglichen und in Form einer Rückwärtsübersetzungsanaly-se (3235 Worte) mit dem Projektkoordinator diskutiert, um eventuelle Kontroversen aufzulösen. Die resultierende Übersetzung wird durch einen Mediziner kommentiert und mit dem Projektkoordinator diskutiert (ärztlicher Prüfbericht, 7059 Worte). Diese Übersetzung wird in Interviews mit fünf Patienten validiert und die Ergebnisse im Pilotversuchsbericht (5298 Worte) dokumentiert und diskutiert. Nach Klärung aller Fragen wird sie vom Korrekturleser kontrolliert und die Änderungen werden im Änderungsprotokoll (826 Worte) begründet.
Um die endgültige übersetzte Version des Fragebogens (556 Worte) zu erstellen, wurden ohne die E-Mail-Kommunikation und einige kleinere Dokumente mitzuzählen, Dokumente mit einem Umfang von 21 127 Worten verfasst. An dem Projekt, das zwei Monate in Anspruch nahm, waren ein Projektvorbereiter (ein Medical Writer), drei Übersetzer, ein Projektkoordinator (ein Übersetzer), ein Mediziner, ein Korrekturleser (ein Übersetzer) und ein Projektmanager des Auftraggebers beteiligt.
Maschinelle Übersetzungen werden in diesem Arbeitsablauf noch lange keine entscheidende Rolle spielen. Den großen, nicht spezialisierten Übersetzungsbüros, die „perfect” auftreten oder die die Übersetzer mit Löwenanstrengungen in die Cloud zerren möchten, droht das gleiche Schicksal wie den Vollsortimentern im Einzelhandel, ihre Zeit ist abgelaufen. Die Arbeitsabläufe in der viel gescholtenen und durch das Internet ermöglichten Globalisierung verschieben das Gleichgewicht in Richtung kleiner, hochspezialisierter Teams oder kleiner, hochspezialisierter Übersetzungsagenturen, die den Kunden qualitativ hochwertige Ergebnisse liefern. Daher ist es empfehlenswert, sich kontinuierlich weiterzubilden, denn teamfähige Übersetzer mit entsprechenden Qualifikationen werden zunehmend gesucht.
Armbruster, Siegfried (2011). Medizinische Übersetzer – keine Ausnahmen von der Regel In: BW polyglott, November 2011, Ausgabe 2, S. 20