Eindrücke und Trends 2013/2014

2013 - 2014(English version: click here)

Im Januar 2012 hatte ich für das Jahr 2012 folgende Aussagen gemacht:

  • Zunehmendes Auftragsvolumen
  • Steigendes Preisniveau für qualifizierte Übersetzungen
  • Soziale Netzwerke gewinnen an Bedeutung
  • Technisierung hilft, aber Definition von Austauschformaten und Workflows muss weiter vorangetrieben werden
  • Die maschinelle Übersetzung hat ihre Versprechungen bisher nicht erfüllt
  • Übersetzerverbände sind gefordert, das Aus- und Weiterbildungsangebot auszubauen
  • Die Interessenvertretung der Übersetzungsbranche muss gestärkt werden

Den kompletten Artikel finden Sie hier.

Auch für das Jahr 2013 blieben die Themen mehr oder weniger dieselben, wie sich dem entsprechenden Blick auf 2013 entnehmen lässt.

Für das Jahr 2014 haben sich die Themen für uns etwas verschoben, aber an erster Stelle bleibt nach wie vor:

- Auftragsvolumen und Preise für qualifizierte Übersetzungen steigen
Soziale Netzwerke und Internet-basierte Marktplätze für Übersetzungsdienstleistungen
Zunehmende Technisierung/Interoperabilität der Übersetzungstools
Maschinelle Übersetzung
Der Blick nach vorne – 2014
Spezialisierung, Weiterbildung
Diversifikation
Der Markt teilt sich weiter
Schlussbetrachtungen


Auftragsvolumen und Preise für qualifizierte Übersetzungen steigen

In diesem Zusammenhang ist z. B. eine Studie eines unabhängigen Marktforschungsunternehmens für Käufer von Übersetzungsdienstleistungen sehr interessant. Schon in der Zusammenfassung des Berichtes gibt es 3 Abschnitte mit spannenden Aussagen.

Aussage 1 der Studie von IBISWorld:

“Prices have risen moderately over the past three years, and are forecast to continue rising at a slightly slower rate through 2016. Price increases are due to a recent rise in demand for translation services stemming from increased globalization, rising immigrant populations and growing world trade values.”

Im Gegensatz zur oft geäußerten Meinung vieler Übersetzer steht hier, dass die Preise in den letzten drei Jahren gestiegen sind und auch in den nächsten Jahren weiter steigen werden. Einer der genannten Gründe dafür ist die Zunahme des Volumens an Texten, die übersetzt werden müssen. Über dieses anhaltende Wachstum des Marktes hat Common Sense Advisory schon im Juni berichtet: The language services industry continues to grow, albeit slowly. LSPs: look up and smile. You are part of an industry that is worth US$34.778 billion and continues to grow at 5.13%, despite macroeconomic indicators telling a different story.“ 

Aussage 2 der Studie von IBISWorld:

Buyers must pay the prevailing market price in order to purchase translation services, because there are no equivalent alternatives beyond employing a team of in-house translators. Also detrimental to buyer power is the level of specialization among translation services. There are far fewer suppliers capable of translating rare or highly technical language, making the acquisition of these services more expensive.

Die zweite Aussage der IBISWorld-Studie enthält einigen Sprengstoff. Es wird nicht nur darauf hingewiesen, dass es außer einem Team von Inhouse-Übersetzern keine Alternative zu freiberuflichen Übersetzern gibt, was schlichtweg bedeutet, dass die maschinelle Übersetzung nicht als gangbare Alternative betrachtet wird, sondern es wird auch ganz klar die Aussage gemacht, dass es nur wenige Übersetzer für seltene Sprachen oder spezielle technische Fachgebiete gibt, wodurch der Einkauf dieser Dienstleistungen teurer wird. Wer das nicht als Argument für eine weitere Spezialisierung der Freiberufler wertet, sollte sich vielleicht die dritte Aussage in der Studie anschauen.

Aussage 3 der Studie von IBISWorld:

In general, however, the total number of translation services suppliers has increased considerably in the past three years, due in part to rising internet usage. The majority of suppliers are independent, nonemploying translators. The internet has made it simpler for independent suppliers to find clients and to start their own businesses. The large number of competitors and low market share concentration among translation services providers help to moderate price increases and provide buyers with leverage when negotiating price.

Hier steht ganz deutlich, dass Einkäufer von Übersetzungsdienstleistungen dort, wo es nicht auf spezialisierte Dienstleistungen ankommt, das große Angebot an Dienstleistern nutzen können, um die Preise in Verhandlungen zu drücken.

Soziale Netzwerke und Internet-basierte Marktplätze für Übersetzungsdienstleistungen

In diesem Bereich habe ich im letzten Jahr leider nicht nur positive Entwicklungen gesehen. Der Trend zeigt deutlich, dass die bisherigen Übersetzerplattformen (Proz.com, Translatorscafe etc.) immer mehr an Bedeutung verlieren. Leider nehmen aber die Billigheimer-Plattformen wie oDesk, Elance und wie sie alle heißen zu, und das Schlimme daran ist, dass durch diese Plattformen der Eindruck vermittelt wird, qualifizierte Übersetzungen wären für Peanuts erhältlich. Auch hier sind es die Übersetzer selbst, die durch Unterstützung dieser Plattformen den Ast absägen, auf dem sie sitzen.

social networks, vintage sign

Auf Facebook kam es leider zu einer ausgeprägten Zersplitterung der Übersetzer-Gruppen. Neben den klar definierten Gruppen, die sich bestimmten Aufgaben widmen (z. B. “Find a Translator” für Jobs, “Translators helping Translators” für Terminologiehilfe, “Glossarissimo” als Glossarsammlung), gibt es inzwischen unzählige Gruppen für Übersetzer, so dass es praktisch unmöglich ist, auch nur annähernd allen zu folgen (für deutschsprachige Übersetzer kann man z. B. die Gruppe “Übersetzer/innen” empfehlen, für englischsprachige ist sicherlich “Watercooler” eine empfehlenswerte Gruppe). Es ist erstaunlich, wie viele gute Jobs inzwischen über Facebook vermittelt werden. Daher ist eine professionelle Teilnahme in den oben genannten Gruppen sicherlich empfehlenswert.

Auch LinkedIn und Xing entwickeln sich zunehmend zu Plattformen, auf denen LSPs Freelancer suchen und LSPs und Freelancer Kontakte zu Endkunden knüpfen können.

Für diejenigen, die auf Twitter unterwegs sind, bieten wir mit dem Konto @Translate_Jobs einen Aggregator, um Jobangebote aus verschiedenen Quellen zusammenzuführen. Ähnliche Angebote bieten wir für Nachrichten aus der Übersetzungsindustrie mit @Translate_News, interessante Blogs und Ereignisse aus der Übersetzungsindustrie sind auf @Translate_Blogs und @TranslateEvents zu finden.

Zunehmende Technisierung/Interoperabilität der Übersetzungstools

Auf diesem Gebiet hat sich im letzten Jahr viel getan. Sowohl SDL Trados als auch MemoQ haben sich bemüht, die Interoperabilität zwischen den gängigsten Produkten zu verbessern. Dabei wurden erhebliche Fortschritte erzielt, und selbst bei across mehren sich die Anzeichen für eine Öffnung der Plattform. Insgesamt gesehen ist dies eine sehr positive Entwicklung, da wir als LSP oder Freelancer nicht mehr notwendigerweise mit mehreren Tools arbeiten müssen. Aus unserer Sicht scheint der Hype um die online TM-Tools und Crowdsourcing-Tools wieder etwas nachgelassen zu haben, das kann allerdings auch daran liegen, dass diese Tools möglicherweise in einem anderen Marktsegment ihren Platz gefunden haben. Nach wie vor bin ich mehr als misstrauisch gegenüber Tools, bei denen ich keine Kontrolle über meine TMs habe, bzw. je nach Tool überhaupt kein TM habe.

Jenseits der TM-Tools gibt es allerdings weitere Tools, die in vielen Marktsegmenten der Übersetzungsbranche eine entscheidende Rolle spielen. Auch wenn wir es nicht lieben, gehört dazu z. B. die Bearbeitung von PDF-Dateien, und es ist erschreckend, wie viele Übersetzer kein Verständnis über die Funktion und den Aufbau von PDF-Dateien haben. Wer versucht, PDF-Dateien, egal mit welchem TM-Tool, zu übersetzen, ist selbst schuld, wenn er/sie dabei Probleme hat. Es gibt genügend Fortbildungsangebote (z. B. “PDF: der tägliche Horror“), die erklären, wie man PDF-Dateien bearbeiten kann.

Eine andere Technologie, die leider viel zu wenig Beachtung findet, ist Spracherkennungssoftware. Mit Dragon Naturally Speaking lässt sich zaubern und der Produktivitätszuwachs, der damit in manchen Bereichen erzielt werden kann, lässt selbst eingefleischte MT/PEMT-Anhänger vor Neid erblassen.

Das bringt uns natürlich direkt zu einem der am kontroversesten und teilweise fast schon hysterisch diskutierten Thema der Übersetzungsbranche: die angebliche Bedrohung durch MT.

Maschinelle Übersetzung

Die teilweise hysterischen Ängste, die viele Übersetzer bezüglich MT haben, kann ich nicht nachvollziehen. Wenn man sich genau anschaut was auf dem Markt abläuft, kann man verschiedene interessante Details erkennen. Es gibt einige wenige Unternehmen, die den Markt hauptsächlich über Pressemitteilungen und Marketingaktivitäten dominieren, aber jetzt mal Butter bei die Fische, hat irgendjemand schon mal einen mit MT übersetzten Text von Asia Online oder KantanMT gesehen? Sind die so gut, dass man es nicht einmal bemerkt, oder so schlecht, dass niemand die Dienstleistungen kauft. Warum hat Sajan, ein großer LSP, der seit Jahren auf MT setzt, eigentlich gerade von Asia Online zu KantanMT gewechselt (siehe hier). Hat Asia Online doch nicht die 2011 von Sajan so hoch gelobten Ergebnisse gebracht? Oder beginnt hier ein Preiskampf zwischen gleichwertigen Anbietern?

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TriKonf Conference 2013

Wir haben uns während der Trikonf-Konferenz 2013 eingehend mit dem Thema MT beschäftigt, und Jutta Witzel hat es in ihrem MDÜ-Artikel (MDÜ 6/13) wunderschön auf den Punkt gebracht. Ihrer Meinung nach “hat die Trikonf nachhaltig Befürchtungen ausgeräumt, maschinelle Übersetzungen könnten die Arbeit von Humanübersetzern ernsthaft gefährden”. Prof. Philip Koehn hatte in seiner Keynote wirklich anschaulich verdeutlicht, wofür MT eingesetzt werden kann und wofür eben nicht. Eine seiner Kernaussagen war “Ein maschinelles Übersetzungssystem wird niemals den Punkt erreichen, an dem es den Humanübersetzer ersetzen kann”.

Leider vergessen viele Übersetzer oft, dass die meisten der Tools wie Trados, MemoQ, Wordfast, OmegaT, DéjaVu oder auch across, mit denen wir heute arbeiten, auf frühen Arbeiten der MT-Pioniere basieren. TMs, AutoSuggest, Subsegment Matching, AutoAssemble usw., all das sind Funktionalitäten, die aus dem MT-Bereich kommen.

Prpf. Philipp Koehn at TriKonf 2013

Prof. Philipp Koehn delivering his keynote speech at TriKonf 2013

Prof. Koehn sieht deshalb auch die Notwendigkeit, Übersetzer bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Zwei Projekte dazu laufen bereits: Casmacat und Matecat. Es lohnt sich, sich darüber zu informieren und vielleicht sogar dabei mitzumachen.

Meine Überzeugung ist und bleibt, dass MT und MT-Funktionalität am besten in den Händen von Übersetzern aufgehoben ist, und dort auch am besten funktioniert.

Der Blick nach vorne – 2014

Trends 2014

Spezialisierung, Weiterbildung

Webinar Concept, educationDie Spatzen pfeifen es von den Dächern und die Analysten belegen es mit Zahlen: Spezialisierung ist ein Weg, mit dem sich größere Auftragsvolumina, höhere Preise und bessere Gewinne erzielen lassen. Dazu ist eigentlich nicht mehr viel hinzuzufügen. Der Weg der Spezialisierung ist steinig. Neben den Weiterbildungsangeboten der Fachgesellschaften (z. B. BDÜ, ITI, ATA) gibt es jedoch auch „private“ Plattformen mit qualifizierten Weiterbildungsangeboten. Dazu gehören neben den großen MOOCs Plattformen, wie z. B. Coursera oder Udemy auch kleine spezialisierte Anbieter, die spezifische Angebote für die Übersetzungsindustrie zur Verfügung stellen, wie z.B. eCPD Webinars und natürlich das Weiterbildungsangebot vom BDÜ (unter “Seminare”) unsere eigene Weiterbildungsplattform „The Alexandria Library“, die wir erst vor einem Jahr gegründet haben. Für 2014 haben wir mit der Library einiges vor, und werden sie bald um das Auditorium erweitern.

Neben den Fortbildungsangeboten für „etablierte“ Übersetzer wird es allerdings auch immer wichtiger, direkt in die Unis zu gehen. Es kann doch nicht wahr sein, dass die Studenten an sogenannten renommierten Übersetzungsschulen und Universitäten, die einen Kurs in medizinischer Übersetzung besucht haben, noch nie was von den EMA-Templates gehört haben. Da muss wohl etwas mehr Realität und etwas weniger Translationswissenschaft vermittelt werden.

Es ist zu erwarten, dass die privaten Anbieter und wahrscheinlich auch die Übersetzerverbände versuchen werden, diese Lücke zu schließen. Am besten lässt sich dies natürlich an den Unis bewerkstelligen, deshalb würde ich mir wünschen, dass:

  • die Unis mehr den Kontakt zu erfahrenen Übersetzerkollegen und Agenturen suchen würden, um diese in die Ausbildung einzubinden
  • mehr erfahrene Übersetzer an die Unis gehen würden

Diversifikation

Eines der Schlagworte 2013 war sicherlich Diversifikation, je nach Betrachtungsweise ein Hype oder ein Trend, der sicherlich auch durch das sehr lesenswerte Buch von Nicole Y. Adams „Diversification in the Language Industry“ ziemlich angeheizt wurde. Inwieweit Diversifikation einer Spezialisierung entgegenläuft, oder diese sogar unterstützt, ist nicht immer ganz deutlich. So wäre z. B. Medical Writing als zusätzliche Spezialisierung eines medizinischen Übersetzers meiner Meinung nach auch gleichzeitig ein Schritt in Richtung Diversifikation. Bei anderen Diversifikations-Aktivitäten sehe ich doch einige Risiken, die z. B. auch in dem Wikipedia-Artikel zur Produkt-Markt-Matrix angesprochen werden.

Der Markt teilt sich weiter

Wenn man erfahrenen Kollegen wie Chris Durban, die übrigens ein sehr empfehlenswertes Buch geschrieben hat, zuhört, beschreibt sie zwei Übersetzergruppen, „Bulk“ und „Premium“ Übersetzer. Ich beschreibe diese Segmente eher als, Übersetzer, die zum „Buyers Market“ oder „Sellers Market“ gehören. Beide Beschreibungen beziehen sich eigentlich auf sehr ähnliche Marktsegmente.

Das „Bulk/Buyers Market“ Segment ist geprägt von einem deutlichen Druck auf die Preise, einem Überangebot an Übersetzern oder solchen, die sich als Übersetzer bezeichnen. Dieses Marktsegment sehe ich als große Bedrohung für die gesamte Branche, da sie potentiellen Kunden zwei negative Eindrücke vermittelt:

a) Übersetzungen sind für Peanuts zu haben
b) Wir bekommen so häufig schlechte Qualität, dass es sich wahrscheinlich eh nicht lohnt, mehr zu zahlen, da wir die Übersetzungen sowieso nacharbeiten müssen.

Übersetzer im Premium/Sellers Market“ Segment kennen die Probleme kaum, sie sind meistens ausgebucht, erzielen ordentliche Umsätze. Man trifft sie oft auf Konferenzen, bei Fortbildungsveranstaltungen und anderen Industrie-Events.

Jerzy Czopik, ein Kollege, den ich sehr schätze, bringt es regelmäßig auf einen Punkt, wenn er über das Bulk/Buyers Market“ Segment sagt´: “Wir erreichen die Leute in diesem Segment leider nicht, sie sind keine Mitglieder in den Übersetzerverbänden, sie nehmen nicht an Fortbildungsveranstaltungen teil und wursteln oft nur so vor sich hin.“ Er hat recht, und ich habe auch keine Idee, wie sich das ändern lassen könnte. Natürlich wäre es genau für diese Übersetzer wichtig, sich fortzubilden und zu netzwerken, sie würden am meisten davon profitieren, aber genauso wichtig ist es für die Übersetzungsbranche, sich um diese Übersetzer zu kümmern, da sie sonst längerfristig in der Übersetzungsbranche mehr Schaden verursachen können, als alle aktuellen und zukünftigen MT-Lösungen zusammen.


Schlussbetrachtungen

Fotolia_58454679_XS_copyrightWas hat sich 2013 geändert? Nicht wirklich viel, leider hat der erwartete Ruck in der Übersetzungsbranche nicht stattgefunden, es wird immer noch viel gejammert und gemeckert. Anstatt sich aufzuraffen und etwas für die Branche zu tun, zersplittert die Übersetzungsbranche weiter. Nein, es hilft nicht, sich selbst als „außergewöhnlich“ zu bezeichnen, „stolz zu sein“, als Übersetzer zu arbeiten, zu fordern, dass „man seinen Übersetzer lieben soll“ oder sich in noch mehr selbst geschaffene Häuptlings-Pöstchen zu flüchten. Nein, es hilft auch nicht, ständig gegen MT und die bösen Agenturen zu wettern. Das einzige Rezept, das der Branche auf Dauer hilft, ist:

- Mitglied zu werden in den etablierten Übersetzerverbänden und dort mitarbeiten, um diese zu stärken
- Fortbildung/Spezialisierung/Professionalisierung
- Nein sagen zu Aufträgen, die schlecht bezahlt werden oder außerhalb des eigenen Fachbereichs liegen
- Anfänger und Studenten unterstützen, damit sie in die Branche rein wachsen können, ohne dass sie Opfer der Hyänen und Aasgeier in unsere Branche werden.

In diesem Sinne frohes Schaffen für das Jahr 2014, und nicht vergessen, im August zum 20. Weltkongress der FIT in Berlin und im Oktober zur MedTranslate 2014 in Freiburg zu kommen.

Berufsverbände für Dolmetscher fordern humanitäres Asylverfahren für afghanische Kollegen

Pressemitteilung vom BDÜ

(Berlin) – In einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Merkel fordern der Internationale Verband der Konferenzdolmetscher (AIIC) und der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) ein vereinfachtes Asylverfahren für die afghanischen Dolmetscher der Bundeswehr aus dringenden humanitären Gründen.

Aktuelle Praxis sind Einzelfallprüfungen durch eine interministerielle Arbeitsgruppe, die bisher alle Asylanträge abgelehnt hat.

Heute arbeiten rund 3.000 Afghanen im Rahmen des deutschen Engagements in Afghanistan, darunter 375 Dolmetscher der Bundeswehr. Nach dem geplanten Abzug der Afghanistan Schutztruppe ISAF zählen sie und ihre Familien, aufgrund ihrer direkten Arbeit mit den Kampfeinheiten, nach allgemeiner Einschätzung zu den am meisten gefährdeten Personengruppen. In ihrem Schreiben stellen die Verbände fest, Deutschland bleibe bei der Gewährung von Asyl in Anerkennung der Gefahren, denen sich die afghanischen Dolmetscher derzeit ausgesetzt sehen, hinter anderen Staaten zurück: “Zum Zeitpunkt dieses Schreibens sind de facto sehr wenige Anträge durch die zuständige interministerielle Arbeitsgruppe geprüft worden, und darüber hinaus wurden alle mit knapper oder sogar ohne Begründung abgewiesen.”

Linda Fitchett, Präsidentin der AIIC, erläutert: “Die bisherige Praxis verlangt von jedem Dolmetscher einen individuellen Nachweis der persönlichen Gefährdungslage, zum Beispiel eine schriftliche Morddrohung. Dabei liegt es auf der Hand, dass dieser Nachweis nur in Ausnahmefällen zu führen ist. Die afghanischen Dolmetscher leben in ständiger Gefahr und sind wiederholt bedroht worden. Nach unserer Ansicht ist Deutschland in der Pflicht, denjenigen von ihnen, die der Bundeswehr gedient haben, ein Aufenthaltsrecht aus dringenden humanitären Gründen nach §22 des deutschen Aufenthaltsgesetzes zu gewähren.”

André Lindemann, Präsident des BDÜ, fügt hinzu: “Die Arbeit der Dolmetscher in Afghanistan ist gefährlich. Sie arbeiten unter Einsatz ihres Lebens. Doch nur mit der sprachlichen Unterstützung durch die Dolmetscher können die deutschen Streitkräfte in Afghanistan ihrem Arbeitsauftrag umfassend gerecht werden. Daher ist die wichtige Leistung dieser Ortskräfte unbestritten. Aber genau durch diese Arbeit entsteht für sie jetzt eine besondere Bedrohungssituation. Deshalb trägt Deutschland auch eine besondere Pflicht, nach dem Abzug der Truppen, diesen Menschen hier ein Leben in Sicherheit zu ermöglichen.”

Auch international setzen sich AIIC und BDÜ für eine bessere rechtliche Ausstattung von Dolmetschern in Krisengebieten ein, die Verbände kooperieren dazu mit dem Weltübersetzerverband (FIT), dem Internationalen Verband professioneller Übersetzer und Dolmetscher (IAPTI) sowie Red T, einer gemeinnützigen Organisation für den Schutz von Übersetzern und Dolmetschern in hochrisikogefährdeten Einsätzen.

Quelle und Kontaktadresse:
Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ)
Birgit Golms, Pressesprecherin
Uhlandstr. 4-5, 10623 Berlin
Telefon: (030) 88712830, Fax: (030) 88712840
E-Mail: presse@bdue.de
Internet: http://www.bdue.de

Übersetzungen: Auswahl der Dienstleister, Arbeitsabläufe, Qualitätskontrolle

“Sie können doch ausländisch? Sie organisieren unsere Übersetzungen.” – Dies ist in überspitzter Form die Aussage, die wir in Gesprächen mit unseren Kunden immer wieder hören, wenn sie uns erzählen, wie ihnen die Aufgabe des Übersetzungsmanagements in ihren Unternehmen “zugeteilt” wurde. Und dann beginnen die Probleme:

• wo finde ich einen geeigneten Dienstleister (Freiberufler oder Übersetzungsagentur)?
• nach welchen Kriterien kann ich die Eignung überprüfen?
• welche Arbeitsabläufe gibt es in der Übersetzungsbranche?
• was muss ich tun, um ein Übersetzungsprojekt vorzubereiten bzw. dessen ordnungsgemäßen Ablauf zu überwachen?
• wie kann ich die Qualität kontrollieren?
• was kostet das eigentlich?
• usw.

Auf all diese Fragen werden wir in unserem Webinar für Endkunden eingehen. Nach dem Webinar werden Sie in der Lage sein, zielgerichtet einen Dienstleister (Freiberufler oder Übersetzungsagentur) für Ihre jeweiligen Übersetzungsanforderungen zu finden, Projekte zu planen, budgetieren und durchzuführen. Der unbeliebte Job, bei dem man in der Vergangenheit viel zu häufig Kritik wegen zu hoher Kosten, verspäteter Lieferung oder mangelhafter Qualität einstecken musste, wird plötzlich eine transparente Aufgabe, ohne irgendwelche versteckten Minenfelder.

Datum: 23. April 2013 um 14h00
Dieses Webinar ist gratis.
Alle Infos und Anmeldung: hier

Der Übersetzer im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Guest post by Armin Mutscheller

Träumen Androiden von elektrischen Schafen? Diese Frage warf der amerikanische Schriftsteller Philip K. Dick in seinem 1968 erschienen Roman “Blade Runner” auf.[1] Vierzehn Jahre später diente dieser dem britischen Regisseur Ridley Scott als Vorlage für seinen gleichnamigen, kommerziell wenig erfolgreichen Hollywood-Film. Dass der Streifen dennoch Kultstatus erlangt hat, liegt wohl an der eigenartigen Faszination, die das Morbide in all seiner Tragik auf uns ausübt. Blade Runner ist die düstere Vision einer nicht allzu fernen Zukunft, in der die Menschen nur noch mittels ausgefeilter Tests von ihren selbst erschaffenen Untertanen, den “Replikanten”, unterschieden werden können. More human than human seien diese Androiden, so der Slogan der Tyrell Corporation, die das globale Monopol auf die Kunstwesen hat. So viel unberechenbare Menschlichkeit verlangt nach staatlicher Kontrolle, und deswegen gibt es als “Blade Runner” bezeichnete (menschliche) Polizisten, die aufrührerische Replikanten jagen, um sie “aus dem Verkehr zu ziehen” – ein unspektakulärer Euphemismus für “vernichten” oder “töten”, je nach Perspektive des Betrachters.

Trotz oder wegen zahlreicher Abweichungen von seinem literarischen Vorbild hat der Film die größere “Marktdurchdringung” und somit einen höheren Bekanntheitsgrad erreicht. Vermutlich kennen Sie also den Film, nicht jedoch das Buch. Das macht aber nichts, denn die Thematik und die Motive sind die Gleichen, lediglich einige Schlussfolgerungen in Bezug auf “Menschlichkeit” und “Künstlichkeit” scheinen sich zu widersprechen. Als Denkanstoß und Einstieg in Betrachtungen über künstliche Intelligenz, Macht und Zerfall taugen beide Werke gleichermaßen.

Wer beruflich zwischen Sprachen, Kulturen und Industrien übersetzt, fühlt sich von den in Blade Runner allgegenwärtigen, sprachlichen und ethnischen Durchdringungen irgendwie angesprochen. Als der Filmstoff geboren wurde, mitten im amerikanischen Annus horribilis 1968, war dies sicherlich auch als Kritik an der Gedankenlosigkeit zu verstehen, mit der man von den USA als einer Art “Schmelztiegel” sprach, dem melting pot of nations. In ihn sollten alle zugewanderten Kulturen einfließen – nachdem sie ihre Traditionen, Riten, Hautfarben und Sprachen abgelegt oder ausgeblendet hatten. Diese Phantasie hatte etwas Unterdrückerisches an sich, und sie war angesichts der Vielfalt eines multikulturellen und vielsprachigen Potpourris aus verschiedensten Ethnien nicht durchsetzbar. Integration braucht Identität, und es ist vor allem die Sprache als Krone der Kultur, über die Menschen sich identifizieren. Dies ist einer der Gründe, weshalb das Gesellschaftsbild in Blade Runner von einer solch erschreckenden Düsternis geprägt ist: Alles steuert einer Sprach- und Übersetzungslosigkeit entgegen, an deren Ende völliger Zerfall und Zerstörung stehen.

Blade Runner spielt mit dem aus der jüdischen Mystik entlehnten Bildnis vom “Bruch der Gefäße”, dem babylonischen Auseinanderstieben der Sprachen und ihrer als Umkehreffekt durch permanente Übersetzung hervorgerufenen Wiedervereinheitlichung, dem Tikkun[2]. Dass also die zerbrochenen Gefäße wieder heil werden, ist das Verdienst beständigen Übersetzens. Folgerichtig kennt die morbide Cyberwelt in Dicks Zukunftsvision nur noch eine Sprache: “Cityspeak”. Sie ist eine Melange aus Englisch, Spanisch, Deutsch, Dänisch, Japanisch und anderen Sprachen, die einst in unglaublicher Vielfalt existierten und ihrerseits Destillate aus anderen Sprachen und Dialekten darstellten. Die Aufgabe des Übersetzers ist in dieser Zukunftsvision hinfällig geworden. Der beängstigend hohe, himmelwärts strebende Turm der Tyrell Corporation lässt indes die Hoffnung auf einen baldigen Zusammenbruch des Systems und die Wiederherstellung von sprachlicher Vielfalt zu.

Was hat all dies mit unserer beruflichen Gegenwart zu tun? Eine ganze Menge, wie ich finde. In seinem 2008 erschienen Buch “Handwerk” prägt der amerikanische Soziologe und Arbeitstheoretiker Richard Sennett den Begriff des “Spiegelwerkzeugs”.[3] Dies sind Hilfsmittel, die in der modernen Arbeitswelt eingesetzt werden, um Arbeitsvorgänge einerseits zu beschleunigen und andererseits zu perfektionieren. “Spiegelwerkzeuge” nennt Sennett sie deshalb, weil sie als Spiegelbilder des Menschen wahrgenommen werden können. Unter Verweis auf die in “Blade Runner” rebellierenden Androiden unterscheidet Sennett zwischen zwei Arten von Spiegelwerkzeugen: Roboter und Replikanten. Ein Roboter ist ein Spiegelwerkzeug, das dem Menschen zeigt, wie er sein könnte, wenn seine ohnehin schon vorhandenen Fähigkeiten steigerungsfähig wären. Ein Roboter ist also eine Maschine, die mit unglaublicher Schnelligkeit ein Auto zusammensetzen, mit besonderer Gründlichkeit riesige Fensterfronten putzen oder mit äußerster Präzision ein Werkstück zuschneiden kann. Er übertrifft den Menschen über alle Maßen und leistet perfekte Arbeit. Ein Replikant hingegen ist ein Spiegelwerkzeug, das dem Menschen zeigt, wie er ist und wozu er eigentlich in der Lage sein sollte. Ein Herzschrittmacher, eine Dialysemaschine oder eine Überwachungskamera sind Replikanten. Letztere ahmen den Menschen nach, Roboter machen ihm etwas vor. Replikanten handeln menschlich, Roboter übermenschlich.

Übersetzer nutzen seit einem guten Vierteljahrhundert die Dienste von Robotern. Gemeint sind die Maschinen, deren Gedächtnisleistungen so phänomenal sind, dass sie uns jeden Satz, den wir im Laufe unseres Berufslebens je übersetzt haben, ohne merklichen Zeitverlust präsentieren und punktgenau in unseren Text einbauen können. Die uns in Bruchteilen von Sekunden sagen können, wie wir dieses oder jenes Wort in den unterschiedlichsten Kontexten verwendet haben und wie es um unsere Produktivleistung in der laufenden Woche bestellt ist. Translation Memory-Systeme sind Sennettsche Roboter par excellence, und man darf sich nicht durch den Umstand täuschen lassen, dass diese Kreaturen aus nichts weiter als einer Menge unsichtbarer, wenn auch wohlgeordneter und sehr diszipliniert auftretender Einsen und Nullen bestehen.

Auch die andere Kategorie der Spiegelwerkzeuge, die humanoiden Replikanten, sind in der schönen neuen Übersetzerwelt längst angekommen. Und wie ihre fiktiven Artgenossen in Blade Runner, sind sie vielen von uns ein Dorn im Auge. Wir lachen über ihre Arbeitsergebnisse, verweigern ihnen jede Zusammenarbeit und Zuneigung oder betrachten sie gar als Konkurrenten, gegen die es tunlichst vorzugehen gilt. Die maschinelle Übersetzung wurde nach unserem Ebenbild erschaffen und besitzt nun die Vermessenheit, uns einen Spiegel vorzuhalten, in dem wir alles andere als Perfektion erblicken. Das empfinden wir als Hohn und reagieren verärgert. Auch wissen wir, dass dieses infame Spiegelwerkzeug nicht uns Menschen dient, sondern der Translation Industry, einem Machtgefüge, das intellektuelle und kreative Arbeit zur technisch reproduzierbaren Handels- und Spekulationsware degradiert hat.

Allerdings stehen die Chancen, im Spiegel der maschinellen Übersetzung in naher Zukunft so etwas wie Ebenmaß und Schönheit wahrzunehmen, gar nicht mal so schlecht. Schon verbünden sich TMS[4]-Roboter mit MT[5]-Replikanten, um Produktivität ungeahnter Ausmaße auf Kosten handwerklicher Individualität zu erzielen. Schon spricht man vom “Humanübersetzer”, der den Spiegelwerkzeugen nur noch in einem Punkt dienlich ist: In der Perfektionierung ihrer Ergebnisse. Und genau hier verkehrt sich das, was Übersetzer mit handwerklicher Identität Jahrtausende lang als ihre Aufgabe betrachten durften, in ihr Gegenteil. Denn bisher waren es stets die “Humanübersetzer”, die unvollkommene, durch Unterschiedlichkeiten und “Inkonsistenzen” auffallende Arbeitsergebnisse erbrachten. Die Ungleichmäßigkeit des Resultats, die darin offenkundigen Spuren des Vergessens und gelegentliche lexikalische Varianz machten das von Menschenhand geschaffene Werk trotz und gerade wegen seiner Unzulänglichkeiten interessant, verliehen ihm Charakter. Perfekte Dinge sind selten spannend. Daher wird es immer Akteure brauchen, um den Resultaten der auf Perfektion ausgerichteten Spiegelwerkzeuge das nötige Quantum an Menschlichkeit einzuhauchen. Ob diese Aufgabe in Zukunft Übersetzern zufallen wird, ist paradoxerweise fraglich.

Einem Artikel der angesehenen Computerzeitschrift c’t zufolge, werden bereits seit über 20 Jahren journalistische Texte von Maschinen erzeugt.[6] Wetterberichte zum Beispiel, gerne auch mehrsprachig. Und Artikel über Sportveranstaltungen, mitsamt den dazugehörigen Spannungsbögen und dramaturgischen Ausschmückungen. Natural Language Generation (NLG) ist zum Betätigungsfeld einer eigenen, bereits über 300 Arten zählenden Gattung von Replikanten geworden, die auf so klangvolle Namen wie “DIOGENES”, “BABEL” oder “GameChanger” hören.[7] Die Zukunftsaussichten jener Replikanten sind rosig: Im genannten c’t-Artikel wird angehenden Sportjournalisten dazu geraten, die künstliche Konkurrenz im Auge zu behalten.

Solche Entwicklungen haben etwas zutiefst Verstörendes an sich. Schon liegt sie nämlich brach, die medientechnische Handhabungskompetenz, die wir uns eifrig angeeignet haben, um in der Translation Industry bestehen zu können. Es drängt sich die Vermutung auf, dass diese handwerklichen Fertigkeiten für sich alleine nur wenig zu unserem Fortbestand beitragen werden. Wir erkennen heute das Verschwinden unserer Unnachahmbarkeit und müssen sehen, wie wir damit umgehen wollen. Dass unsere Abschaffung voranschreitet, ist jedoch nicht den Scherben einer Amphore geschuldet, sondern unserer eigenen Sprachlosigkeit und Schicksalsergebenheit. Das epochale Regime der Spiegelwerkzeuge hat zwar begonnen und wir können es nicht stoppen, aber wir können und sollten dazu in Opposition treten.

Einen Lichtblick sehe ich: Das Berufsbild des Übersetzers ist mitnichten im Zerfall begriffen, sondern gewinnt zunehmend an Profil. Wir sind keine Wiederkäuer mehr, deren einzige Aufgabe bis vor wenigen Jahren noch darin Bestand, Texte abzugrasen und in übersetzter Form wieder auszuspucken. So etwas machen jetzt elektrische Schafe und andere Maschinen. Wir hingegen agieren zunehmend in Personalunion als IT-Administratoren, Berater, Buchhalter, Redakteure, Lektoren, Terminologen, Marketingleute, Qualitätsbeauftragte, Geschäftsvermittler, Projektmanager und Kommunikationsspezialisten. Dieses konsolidierte Profil gilt es weiter zu schärfen und nach außen zu tragen, damit wir unsere Arbeit zukünftig in Würde und Wertschätzung verrichten können. Und von den Übersetzungshändlern der Translation Industry, die mit perfektionsorientierten Werkzeugen zur “Qualitätssicherung” hantieren, wünsche ich mir ein Nachdenken über den Mangel an Lebendigkeit und Charakter, den solche Prozesse für den Liefergegenstand zur Folge haben. Niemand verlangt, sinnentstellende Fehler einfach durchgehen zu lassen. Wenn es jedoch nicht gelingt, das Charaktervolle und zutiefst Menschliche unseres Tuns erkennbar herauszustellen, wird in der Tat eine schon jetzt bedrohliche Allianz aus Robotern, Replikanten und Industriellen für die nächsten Jahrhunderte die Regeln diktieren, nach denen wir unserer Arbeit nachgehen sollen. Und das gilt nicht nur für Übersetzer.

Eingangs war von der Frage die Rede, ob Androiden von elektrischen Schafen träumen. Diese Frage ist geklärt: Sie tun es, und man kann ihnen dabei sogar zusehen. Das glauben Sie nicht? Unter http://electricsheep.org/ finden Sie den lebenden Beweis.

Armin Mutscheller, Diplomübersetzer (BDÜ, tekom)
Armin Mutscheller und Kollegen bieten Fachübersetzungen, Softwarelokalisierung und Terminologie-Management für viele Sprachen an. Übersetzer (auch Studierende und Berufseinsteiger), Entscheider in der Industrie und andere fachlich Interessierte unterstützen wir durch technisch-organisatorische Beratung,Fortbildung und Seminare.


[1] Dick, Philip K. Blade Runner. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Norbert Wölfl. (Titel der Originalausgabe von 1968: Do Androids Dream of Electric Sheep?). Heyne Verlag 2002. ISBN-13: 978-3453217287

[2] Scholem, Gershom. Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen. Suhrkamp Frankfurt 1967, S. 291-295

[3] Sennett, Richard. Handwerk. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Bischoff. (Titel der Originalausgabe: The Craftsman.) bloomsbury taschenbuch 2009. ISBN-13: 978-3833306327.

[4] Translation Memory System

[5] Machine Translation

[6] Marsiske, Dr. Hans-Arthur: “Schreib-Maschinen”. In: c’t Magazin für Computertechnik, 25/2012; Heise Zeitschriften Verlag GmbH & Co. KG, ISSN 0724-8679.

Medizinische/pharmazeutische Übersetzungen: Trends 2012-2013

Weather Vane with Dollar SignIm Januar 2012 hatte ich für das Jahr 2011/2012 folgende Aussagen gemacht:

  • Zunehmendes Auftragsvolumen
  • Steigendes Preisniveau für qualifizierte Übersetzungen
  • Soziale Netzwerke gewinnen an Bedeutung
  • Technisierung hilft, aber Definition von Austauschformaten und Workflows muss weiter vorangetrieben werden
  • Die maschinelle Übersetzung hat ihre Versprechungen bisher nicht erfüllt
  • Übersetzerverbände sind gefordert, das Aus- und Weiterbildungsangebot auszubauen
  • Die Interessenvertretung der Übersetzungsbranche muss gestärkt werden

Den kompletten Artikel finden Sie hier.

Nachdem das Jahr 2012 jetzt vorüber ist und die Welt nicht untergegangen ist, macht es Sinn, sich anzuschauen, ob sich bezüglich dieser Aussagen etwas geändert hat, bzw. ob sich neue interessante Trends entwickelt haben.

Auftragsvolumen/Preisniveau – wir könnten zeitnah verlässlichere Daten brauchen

Die ersten zwei Aussagen für den medizinisch/pharmazeutischen Sektor sind meiner Meinung nach immer noch gültig, allerdings basieren sie nur auf Daten einer sehr kleinen Gruppe von LSPs, mit denen ich diesbezüglich im engeren Austausch bin. Allerdings nehme ich in verschiedenen Blogs und Foren zunehmend Stimmen war, die möglicherweise darauf schließen lassen, dass der Markt wesentlich dynamischer sein könnte, wie ich es von meiner Warte aus beurteilen kann. Ich würde mir mehr Informationen über Auftragsvolumina und Preise wünschen. Diese Informationen könnten uns helfen, saisonale und absolute Trends zu identifizieren. Anhand dieser Daten könnte man reagieren und die Daten könnten vielleicht auch dieses, teilweise hysterische Ausmaße annehmende, Hintergrundrauschen über sinkende Preise, das meiner Meinung nach der Industrie schadet, beruhigen.

Soziale Netzwerke/Internetkultur

Die sozialen und professionellen Netzwerk-Tools (Twitter, Facebook, LinkedIn, Xing und Google+) werden immer wichtiger und die bisherigen Übersetzerplattformen (Proz.com, Translatorscafe etc.) verlieren zunehmend an Bedeutung. Dies zeigt sich unter anderem an der steigenden Zahl von Übersetzergruppen z. B. in Facebook, LinkedIn, Xing, über die zunehmend Übersetzungsaufträge vergeben werden, aber auch im Angebot an Weiterbildungsmaßnahmen, die über diese Gruppen angeboten werden. Die Fachverbände wie z. B. der BDÜ sind zwar erst spät in die sozialen Netzwerke eingestiegen, haben aber inzwischen ihre Bedeutung erkannt und präsentieren sich professionell auf diesen Plattformen.

Leider hat diese Entwicklung nicht nur positive Aspekte. Als Freelancer kann man unmöglich alle Gruppen verfolgen, in denen interessante Aufträge angeboten werden, und auch als LSP wird es schwieriger, auf den verschiedenen Plattformen den Spezialisten für einen bestimmten Auftrag zu finden.

Es wird daher nötig werden, Aggregatoren zu entwickeln, die die unterschiedlichen Angebote gebündelt zur Verfügung stellen. Auf Twitter haben wir mit unserem @Translate_Jobs Konto einen ersten Schritt getan, um Jobangebote aus verschiedenen Quellen zusammenzuführen. Ähnliche Angebote bieten wir für Nachrichten aus der Übersetzungsindustrie mit @Translate_News, Interessante Blogs und Ereignisse aus der Übersetzungsindustrie auf @Translate_Blogs und @TranslateEvents.

Diese Lösungen sind leider durch die Möglichkeiten, die Twitter bietet, eingeschränkt, was einer der Gründe ist, weshalb wir für den Bereich Fortbildungsmöglichkeiten unsere Alexandria-Plattform (http://alexandria-library.com) ins Leben gerufen haben.

Technisierung/Interoperabilität/Crowd and Cloud Services

Im Bereich Interoperabilität tut sich Erfreuliches; die beiden Platzhirsche Trados und MemoQ bekommen immer mehr Funktionen, die die Interoperabilität zwischen den einzelnen Programmen verbessern. Da scheint es nur natürlich, dass in der Industrie in den letzten Wochen massiv Kritik an dem abgeschotteten Design von across geäußert wurde. Ich bin da etwas vorsichtiger, da ich durchaus die Notwendigkeit für geschlossene Workflows erkenne und mir eine entsprechende optionale Funktionalität auch bei den anderen Anbietern wünschen würde. Gleichzeitig würde ich mir natürlich auch wünschen, dass sich across öffnet.

Was ich allerdings nicht verstehen kann, ist, wie man als Übersetzer mit den wie Pilze aus dem Boden schießenden Cloud-Services arbeiten kann. Das ist eine TM-Lösung, die dem Übersetzer bisher fast nur Nachteile bringt. Kein eigenes TM, keine Nachverfolgbarkeit der eigenen Arbeit usw. usw.

Maschinelle Übersetzung

Ich hätte gerne ein funktionierendes System. Leider habe ich noch keines gefunden. Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen. Aber ich bleibe dran. Interessant finde ich zwei Aspekte:

a) Es wird uns Übersetzern immer häufiger erzählt, dass es einen riesigen, ständig wachsenden Markt für schlechte (d. h. Maschinenübersetzungen) gibt. Das ist ja schön für diejenigen, die den Schrott lesen möchten. Beispiele dafür findet man im Internet zur Genüge. Das einzige Problem, das ich dabei sehe, ist, dass die Leser irgendwann tatsächlich anfangen zu glauben, dass das Übersetzungen sind.

b) Ebenso häufig höre ich, dass gut trainierte MT-Systeme inzwischen in begrenzten Domains und bestimmten Sprachpaaren Ergebnisse produzieren, die besser als die von menschlichen Übersetzern sein sollen. Hier ist der spannende Punkt, dass bisher niemand in der Lage war, mir ein derartiges System oder das nachweisbare Ergebnis eines solchen Systems zu zeigen. Im letzten Jahr habe ich mir von einigen MT-Herstellern erklären lassen, wie gut ihre Systeme sind, aber wenn es ans Eingemachte ging, gab es außer irgendwelchen beeindruckenden hohen Scores ohne Aussagewert nichts wirklich Bemerkenswertes.

Nachdem ich Trados Studio mit TMs mit mehreren Millionen Worten und Autosuggest-Dictionaries von bis zu 1 GB Größe aufgerüstet habe, erreiche ich eine Produktivität, bei der ich mich frage, ob ich MT für unsere Sprachpaare und Fachgebiete überhaupt brauche.

Aus- und Weiterbildungsangebot

Es tut sich was. Der BDÜ, der DVÜD und auch andere Anbieter haben das Angebot an online Fortbildungsangeboten deutlich ausgebaut. Da mag es überflüssig erscheinen, dass wir mit einem eigenen Angebot (http://alexandria-library.com) auf den Markt kommen. Mit dem Alexandria Projekt verfolgen wir allerdings mehrere Ziele. Wir möchten damit z. B. eine zentrale Plattform (durch Kollaborationen mit möglichst vielen anderen Anbietern, z. B. Localize.pl aus Polen und Diléal aus Frankreich) schaffen, auf der wir Weiterbildungsangebote und Ressourcen für Berufsanfänger und Spezialisten in den unterschiedlichen Sprachen anbieten. Zusätzlich möchten wir Spezialisten eine Plattform bieten, die es ihnen ermöglicht, sich zu präsentieren, um ihre Reputation in der Industrie und bei zukünftigen Kunden zu verbessern. Und drittens möchten wir so schnell wie möglich damit beginnen, mit dieser Plattform potentielle Kunden auf die Notwendigkeit qualitativ hochwertiger Übersetzungen aufmerksam zu machen, und sie zu schulen, wie sie geeignete Sprachdienstleister identifizieren können, bzw. was sie dazu beitragen können, um optimale Ergebnisse zu erhalten. Noch befinden wir uns in einer frühen Phase, aber wir werden das Angebot schnell erweitern. Über Rückmeldungen und Anregungen würden wir uns freuen, denn schließlich soll Alexandria möglichst vielen Übersetzern und Kunden ein interessantes Angebot bieten.

Interessenvertretung der Übersetzungsbranche

Bisher stelle ich mit Bedauern fest, dass die Übersetzungsverbände viel zu wenig (öffentlichkeitswirksam) unternehmen, um die Industrie nach außen zu repräsentieren. Übersetzer und Übersetzerverbände scheinen mir bisher zu sehr mit sich selbst (d. h. mit Übersetzern) beschäftigt zu sein und gehen viel zu wenig auf mögliche Kunden zu, bei denen der Mangel an Informationen über Übersetzungsqualität, Abläufe und Preise dazu führt, dass sich die Pest der Billigheimer weiter ausbreitet. Es wäre schön zu sehen, wenn sich einige nationale Verbände zu mehr Zusammenarbeit entschließen könnten, und im Bereich Kundenschulung und Repräsentanz nach außen aktiv werden würden. Auch ein gemeinsames europäisches Jobportal der Übersetzungsverbände könnte helfen. Hier hätten Kunden, die nach Sprachdienstleistern suchen, zumindest die Gewissheit, dass die Übersetzer bestimmte Mindestkriterien an Professionalität erfüllen. Den Internetplattformen wie Proz und TC, bei denen sich die ganzen Billiganbieter tummeln, die oft nur schlechte Qualität liefern, würde dadurch das Wasser abgegraben werden, da Kunden auf der Suche nach Qualität endlich ein qualitativ höherwertiges Angebot zur Verfügung hätten.

Schlussfolgerungen

Ich bin mir nicht schlüssig, ob sich 2012 in der Industrie wirklich viel geändert hat, aber ich sehe einen vorsichtigen Trend, dass die Übersetzer langsam mehr Verantwortung für ihr eigenes Schicksal/ihren Erfolg übernehmen und sich aus den Fängen der großen Organisationen/Unternehmen emanzipieren. Diese positive Entwicklung kann 2013 dazu führen, dass sich eine breitere Bewegung organisiert, die uns als Industrie weiter bringt. Es würde mich freuen, wenn wir mit Alexandria und der Trikonf 2013 unseren Beitrag dazu leisten könnten.

Medizinische Übersetzer – keine Ausnahmen von der Regel

Armbruster, Siegfried (2011). Medizinische Übersetzer – keine Ausnahmen von der Regel  Veröffentlicht in: BW polyglott, November 2011, Ausgabe 2, S. 20

Die Sicht einer kleinen, hochspezialisierten Übersetzungsagentur

Pharma- und Medizintechnikunternehmen sind in besonderem Maße regulatorischen Vorga­ben unterworfen. Projekt-Verzögerungen oder Übersetzungsfehler können schwerwiegende und kostspielige Konsequenzen haben. Deshalb sind Unternehmen aus den GxP-Branchen, die die Richtlinien für „gute Arbeitspraxis” befolgen (müssen), – Großunternehmen ebenso wie zerti­fizierte Übersetzungsagenturen – auf der Suche nach der „eierlegenden Wollmilchsau” der Über­setzungsbranche – dem medizinischen Fachüber­setzer.

Idealerweise sollten medizinische Übersetzer linguistische Kompetenz, medizinisches, phar­makologisches und technisches Fachwissen, Kenntnisse der relevanten regulatorischen Ver­ordnungen, Vorschriften und Standards sowie Kenntnisse der gängigen CAT-Tools (CAT = Com­puter assisted translation) etc. besitzen, und nach ISO 9001 und EN 15038 zertifiziert sein.

Linguistische Kompetenz

Über die erforderlichen linguistischen Kompeten­zen eines Übersetzers lässt sich diskutieren, aber nach EN 15038 muss mindestens eine der folgen­den Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Formale höhere Übersetzungsausbildung
  • Vergleichbare Ausbildung in einem anderen Fachbereich mit mindestens zwei Jahren doku­mentierter Übersetzungserfahrung
  • Mindestens fünf Jahre dokumentierte professi­onelle Übersetzungserfahrung

In EN 15038 sind auch andere Kompetenzen fest­gelegt, wie sprachliche und textliche Kompetenz in der Ausgangs- und Zielsprache, die kontinuier­liche berufliche Weiterbildung oder die Kompe­tenzen auf dem Gebiet der Recherche.

Fachkompetenz

Wie bei den medizinischen Berufen gibt es auch bei medizinischen Übersetzern unterschiedliche Spezialisierungen. Wer sich auf die Übersetzung von Beipackzetteln und Fachinformationen kon­zentriert, ist nicht unbedingt dafür geeignet, eine Benutzeroberfläche für ein Bildarchivierungs­und Kommunikationssystem zu lokalisieren, und Spezialisten für klinische Fragebögen kennen sich nicht notwendigerweise mit chirurgischen Instrumenten aus. Ich behaupte nicht, dass man ohne medizinische Ausbildung keine guten me­dizinischen Übersetzungen erstellen kann. Wer aber auf Terminologie-Seiten im Internet im Kon­text eines orthopädischen Textes über Wirbel­säulenchirurgie zum Beispiel den englischen Be­griff „cervical” dem Gebärmutterhals zuordnet oder in einer Übersetzung schreibt „Bei Diabe­tikern besteht das primäre Behandlungsziel da­rin, möglichst niedrige Blutzuckerwerte zu er­zielen”, zeigt, dass ihm jegliches Verständnis für den Inhalt des Ausgangstextes fehlt. Dies könnte im zweiten genannten Beispiel erhebliche Kon­sequenzen nach sich ziehen, sprich Unterzucke­rung mit nachfolgendem Zuckerschock bis hin zum Tode. Eine regelmäßige Weiterbildung und fundierte Recherchekenntnisse sind deshalb un­abdingbar, um sich das entsprechende Fachwis­sen anzueignen bzw. zu erhalten.

Als hochspezialisierte Übersetzungsagentur für Medizin sind wir immer bestrebt, „den” Spe­zialisten zu finden, und Übersetzer, die in ihrem Profil angeben, dass sie in Recht, Finanzen, Mar­keting, Tourismus und Medizin spezialisiert sind, kommen gar nicht erst in die engere Auswahl.

Regulatorische Kenntnisse

Im regulatorischen Bereich haben Übersetzer wie Übersetzungsagenturen noch Nachholbedarf. Viele Normen und Richtlinien schreiben den ge­nauen Wortlaut für Übersetzungen vor, und Dis­kussionen, ob eine andere Übersetzung besser klingt als der vorgeschriebene Wortlaut, sind un­nötig. Der Kunde muss das übersetzte Dokument womöglich bei einer Zulassungsbehörde einrei­chen und jede Abweichung vom vorgeschriebe­nen Wortlaut kann zur Ablehnung führen und er­hebliche Kosten verursachen.

Regulatorische Vorgaben können sich ändern. So wurden zum Beispiel kürzlich die Standard­texte für Medikamentenbeipackzettel geändert. Übersetzer, die sich nicht regelmäßig auf der Website der Europäischen Arzneimittelbehörde (www.ema.europa.eu) über Änderungen infor­mieren, laufen Gefahr, „falsche” Übersetzungen zu liefern. Dies ist nur ein Beispiel für regulato­rische Vorgaben. Die US-Norm ASTM 2503-05 schreibt unter anderem vor, dass Produkte, die nur unter bestimmten Bedingungen in MRT-Um-gebungen (MRT = Magnetresonanztomographie) betrieben werden können, mit „MR conditional” zu kennzeichnen sind. Wer das nicht weiß (oder recherchiert), wird kaum die Übersetzung „Be­dingt MR-sicher” verwenden, die im Entwurf der DIN 6877-1:2007-12 (Magnetresonanzeinrichtun­gen für die Anwendung am Menschen) vorge­schrieben ist.

CAT-Tools

Übersetzungskosten zu senken, wird oft als der wichtigste Grund für die Verwendung von CAT-Tools genannt. Gerade in den regulierten Bran­chen ist die Konsistenz der Übersetzungen jedoch viel wichtiger. In einem Projekt für ein Pharma­unternehmen fanden wir zum Beispiel bei einem Medikament, das in sechs verschiedenen Konzen­trationen zugelassen ist, bis zu vier verschiedene Übersetzungen für die gleichen Ausgangssätze. Für die Umstellung der Dokumentation von ei­nem dokumentenbasierten System auf ein Con­tent-Management-System müssen diese Über­setzungen konsolidiert werden. Dies verursacht nicht nur einen erheblichen Aufwand bei der Da­tenkonvertierung; die Dokumente der Medika­mente, die von den Änderungen betroffen sind, müssen in ihrer geänderten Form auch von den Zulassungsbehörden genehmigt werden. Mit kun­denspezifischen Translation-Memory-Systemen können CAT-Tools dieses Problem minimieren und dadurch Kosten einsparen, die die Kosten für die Übersetzung um ein Vielfaches übertreffen.

Rollen und Aufgaben

Um als medizinischer Übersetzer oder Überset­zungsagentur mit Schwerpunkt Medizin im aktu­ellen Umfeld erfolgreich zu sein, müssen wir uns vom klassischen Rollenverständnis des Überset­zers verabschieden.

Betrachten wir einmal die Übersetzung ei­nes medizinischen Fragebogens für eine klini­sche Studie (in der Ausgangssprache 482 Wor­te). Klar, werden viele denken, die Übersetzung kann ich in ein paar Stunden machen. Aber die­se Übersetzung ist nur ein Baustein im ganzen Ablauf der Lokalisierung des Fragebogens. Schon vor Projektbeginn wird in unserer Agentur je­der Satz und jeder Begriff in einer „Begriffsana­lyse” erläutert (2123 Worte). Anschließend wird der Fragebogen von zwei spezialisierten Über­setzern übersetzt. Ein Projektkoordinator beur­teilt die beiden Vorwärtsübersetzungen (Bewer­tung der Übersetzung) und erstellt daraus eine konsolidierte Übersetzung. In der Vorwärtsüber-setzungsanalyse (2586 Worte) begründet er für jedes Segment, warum er die eine oder andere Übersetzung bevorzugt oder eine dritte Überset­zung vorschlägt. Diese Version wird durch einen Rückübersetzer zurück in die Ausgangssprache übersetzt. Die Rückübersetzung wird dann vom Auftraggeber mit dem Ausgangstext verglichen und in Form einer Rückwärtsübersetzungsanaly-se (3235 Worte) mit dem Projektkoordinator dis­kutiert, um eventuelle Kontroversen aufzulösen. Die resultierende Übersetzung wird durch einen Mediziner kommentiert und mit dem Projektko­ordinator diskutiert (ärztlicher Prüfbericht, 7059 Worte). Diese Übersetzung wird in Interviews mit fünf Patienten validiert und die Ergebnisse im Pi­lotversuchsbericht (5298 Worte) dokumentiert und diskutiert. Nach Klärung aller Fragen wird sie vom Korrekturleser kontrolliert und die Änderun­gen werden im Änderungsprotokoll (826 Worte) begründet.

Um die endgültige übersetzte Version des Fra­gebogens (556 Worte) zu erstellen, wurden ohne die E-Mail-Kommunikation und einige kleinere Dokumente mitzuzählen, Dokumente mit einem Umfang von 21 127 Worten verfasst. An dem Pro­jekt, das zwei Monate in Anspruch nahm, waren ein Projektvorbereiter (ein Medical Writer), drei Übersetzer, ein Projektkoordinator (ein Überset­zer), ein Mediziner, ein Korrekturleser (ein Über­setzer) und ein Projektmanager des Auftragge­bers beteiligt.

Maschinelle Übersetzungen werden in diesem Arbeitsablauf noch lange keine entscheidende Rolle spielen. Den großen, nicht spezialisierten Übersetzungsbüros, die „perfect” auftreten oder die die Übersetzer mit Löwenanstrengungen in die Cloud zerren möchten, droht das gleiche Schick­sal wie den Vollsortimentern im Einzelhandel, ihre Zeit ist abgelaufen. Die Arbeitsabläufe in der viel gescholtenen und durch das Internet ermöglich­ten Globalisierung verschieben das Gleichgewicht in Richtung kleiner, hochspezialisierter Teams oder kleiner, hochspezialisierter Übersetzungs­agenturen, die den Kunden qualitativ hochwerti­ge Ergebnisse liefern. Daher ist es empfehlens­wert, sich kontinuierlich weiterzubilden, denn teamfähige Übersetzer mit entsprechenden Qua­lifikationen werden zunehmend gesucht.

Armbruster, Siegfried (2011). Medizinische Übersetzer – keine Ausnahmen von der Regel  In: BW polyglott, November 2011, Ausgabe 2, S. 20