Social Media – Profi-Marketingwerkzeug oder Dschungel-Camp?
Diamantidis, Anne (2012). Social Media – Profi-Marketingwerkzeug oder Dschungelcamp? In: BW polyglott, März 2012, Ausgabe 3, S. 32f

Selbständige Übersetzer sind Unternehmer -ohne Wenn und Aber. Um erfolgreich zu sein, müssen sie sich neben dem Übersetzen auch um ihre eigene Vermarktung kümmern. Dabei müssen sie nicht nur Kunden finden und halten, sondern sich auch im Dschungel der Übersetzungsindustrie als eigene Marke etablieren. Welches Werkzeug sollte dafür im 21. Jahrhundert besser geeignet sein als das Internet?
Neben anderen Internet-Werkzeugen, die für Marketingzwecke eingesetzt werden können – wie zum Beispiel E-Mail, eigene Website, eigener Blog – bieten sich dafür Social-Media-Plattformen an. Welchen Nutzen kann man also aus einem Facebook-Profil oder Engagement auf Twitter ziehen?
Einige Übersetzer haben es ausprobiert und waren vom Ergebnis enttäuscht. Andere dagegen sind extrem enthusiastisch und hören nicht auf zu betonen, welche Vorteile ihnen Xing oder Twitter gebracht haben. Was ist also dran an Social Media? Handelt es sich um ein Profi-Marketingwerkzeug, das von Übersetzern erfolgreich eingesetzt werden kann, oder ist es nur eine Spielwiese für spätpubertäre Teenager, die um jedes neue So-cial-Media-Tool den gleichen Hype vollführen wie um den Tagessieger im Dschungelcamp?
Bevor Sie sich überlegen, ob Sie Social-Media-Marketing in Ihre Marketingaktivitäten integrieren möchten, sollten Sie sich folgende Frage stellen: Muss oder möchte ich neue Kunden gewinnen?
Wenn Sie diese Frage mit Ja beantworten, sollten Sie sich Gedanken über Ihre Marketingaktivitäten machen. Dazu können auch Aktivitäten im Social-Media-Bereich gehören, um:
- Ihre Sichtbarkeit zu verbessern und die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass potentielle Kunden Sie finden und kontaktieren,
- sich als Marke zu präsentieren,
- die Zahl der Zugriffe auf Ihre Website, Ihren Blog, Ihr Profil zu verbessern.
Social-Media-Plattformen bieten:
Netzwerke
Der Aufbau von weltweiten Netzwerken mit Kollegen, Gleichgesinnten, Geschäftspartnern aus der Industrie und potentiellen Kunden ist eine Marketingstrategie, die es schon lange vor dem Internet gab, die aber auch hier funktioniert.
Job Boards
Viele Agenturen und auch Endkunden verwenden auf der Suche nach qualifizierten Übersetzern nicht nur die Übersetzerportale im Internet, sondern zunehmend auch Xing, Linkedln, Facebook und Twitter.
Aufbau einer Online-Reputation
Alles, was Sie im Internet schreiben, kann von anderen Personen gefunden werden (wenn Sie den Zugriff nicht eingeschränkt haben). Dies ist ein sehr mächtiges Werkzeug, mit dem Sie Kollegen und potentiellen Kunden Ihr Wissen, Ihre Erfahrung und Vertrauenswürdigkeit vermitteln können. Sie können damit weltweit eine Reputation aufbauen und sich als Experte zu einem Thema oder in einem Fachgebiet positionieren. Richtig eingesetzt wird man Sie früher oder später als die Person wahrnehmen, an die man sich mit einer Übersetzung zu einem bestimmten Thema wenden sollte. Allerdings können Sie diese Reputation auch sehr schnell zerstören – verwenden Sie also Ihren gesunden Menschenverstand:
- Trennen Sie Privates und Berufliches
- Überlegen Sie sich, was Sie in Ihren öffentlich zugänglichen Foreneinträgen, Tweets und Posts schreiben und wie Sie schreiben
- Stellen Sie nichts online, was Sie nicht auch im realen Leben zu einem Geschäftspartner sagen würden.
Sammeln von Informationen
Unterschätzen Sie nicht den Wert der Informationen wie interessante Veranstaltungen, neue Vorschriften und Jobangebote, die Sie in Foren oder im Austausch mit anderen Übersetzern zum Beispiel auf Facebook erhalten können. Sie alleine können schon eine Teilnahme an den entsprechenden Social-Media-Plattformen rechtfertigen.
Visibilität & SEO
Dies ist der eigentliche Kern, um den es beim Internetmarketing geht. Der potentielle Kunde sollte Sie finden, bevor er Ihre Mitbewerber findet. SEO steht für Suchmaschinenoptimierung (Search Engine Optimization), und bedeutet, Ihre Online-Präsenz in Form Ihrer Website oder Ihres Profils (auf Xing, Linkedln, ProZ usw.) so zu optimieren/ unterstützen, dass sie von Suchmaschinen wie Google, Bing und Yahoo auf einem höheren Rang, also weiter oben angezeigt wird als die Ihrer Mitbewerber. Die Suchmaschinen verwenden komplexe Algorithmen, um die Reihenfolge zu erstellen, in der die Ergebnisse angezeigt werden, aber diese Algorithmen basieren im Wesentlichen auf drei Aspekten: Suchbegriffe, Traffic und Aktivität.
Suchbegriffe
Verwenden Sie in Ihren Profilen, Blogs, Forenbeiträgen, Tweets usw. Begriffe und Wortfolgen, die ein potentieller Kunde verwenden würde, um Ihre Dienstleistung zu suchen. Es gibt viele Übersetzer, die in ihren Profilüberschriften oder in den Suchbegriffen zum Beispiel „Freelance Translator” schreiben. Danach sucht niemand. Sie haben doch viel mehr zu bieten – führen Sie also auf, was Sie von anderen unterscheidet wie Ihre Sprachpaare, Ihre Fachgebiete oder zusätzliche berufliche Hintergrundinformationen. Denken Sie daran: Sie möchten gefunden werden, und ein potentieller Kunde könnte in Google zum Beispiel „medizinischer Fachübersetzer Deutsch Englisch mit Erfahrung in klinischer Informatik” eingeben. Ihr Ziel muss es sein, bei einer entsprechenden Suche in Google auf Seite eins aufgeführt zu werden (wer interessiert sich schon dafür, was auf Seite drei und danach steht).
Traffic
Je mehr Zugriffe Ihre Website oder Ihre Profilseite hat, desto höher wird sie von Google eingestuft.
Aktivität
Google erkennt, wenn eine Seite längere Zeit inaktiv ist, und stuft sie automatisch in den Suchergebnissen zurück. Eine Webseite, eine Profilseite oder ein Blog, der regelmäßig aktualisiert wird, hält seinen Google-Rang.
All dies können Sie mit relativ geringem finanziellem Aufwand erreichen. Sie brauchen dafür keine bezahlten Mitgliedschaften auf Plattformen wie Linkedln und Xing. Sie müssen
jedoch bedenken: Nur weil Sie ein Profil auf Linkedln oder Xing haben, werden Sie darüber noch lange keine Kunden bekommen. Sie müssen investieren, und zwar Zeit. Social-Media-Marketing funktioniert nur, wenn Sie aktiv sind. Wenn Sie eine bestimmte Reputation und Visibilität erreicht haben, müssen Sie kontinuierlich daran arbeiten, diese zu erhalten. Diese Zeit müssen Sie neben Ihrer Arbeit als Übersetzer aufbringen können, sonst macht es keinen Sinn. Deshalb müssen Sie sich gut überlegen, in welche Social-Media-Plattform Sie Ihre Arbeitszeit investieren möchten. Es folgt eine Auswahl an Social-Media-Platt-formen, die meiner Meinung nach für Übersetzer sinnvoll sein können.
Übersetzungsportale und Verzeichnisse
Natürlich die Datenbank des BDÜ, aber auch Portale wie TranslatorsCafe oder ProZ bieten interessante Möglichkeiten und wirken sich durch ihr sehr gutes Google-Ranking positiv auf das Ranking (SEO) Ihrer eigenen Website/Ihres Profils aus.
Business-Plattformen wie Xing oder Linkedln
Hervorragende Optionen und Werkzeuge zum Netzwerken, gute Präsentation der eigenen Fähigkeiten und hervorragender SEO-Einfluss. Beide Plattformen erfordern ein gewisses Maß an Aktivität, um Ergebnisse zu bringen. Linkedln ist internationaler orientiert (nicht so US-lastig wie viele denken) und Xing wird mehr im deutschsprachigen Raum verwendet (in Frankreich ist Viadeo eine Option).
Wahrscheinlich eine der am meisten unterschätzten Social-Media-Plattformen für den professionellen Einsatz. Sie können damit eine hohe Zahl von Zugriffen auf Ihre Website/Ihr Profil erzeugen. Es eignet sich sehr gut zum Aufbau Ihrer professionellen Reputation, bietet relevante Informationen wie Links zu angebotenen Jobs und erlaubt es, in einer ungezwungenen Umgebung zu netzwerken. Ist allerdings arbeitsaufwendig.
Google+
Eigentlich ein absolutes Muss, allein schon um Ihr Google-Ranking zu verbessern.
Ein sehr mächtiges SEO-Werkzeug, aber auch die schwierigste Plattform. Facebook-Marketing folgt einem komplexen Codex mit vielen Fallstricken. Ich empfehle ein reguläres Profil (mit klarer Trennung zwischen privaten und geschäftlichen Aktivitäten) zu verwenden, um einigen der Agenturen zu folgen, die es zur Anwerbung von Übersetzern verwenden.
Zusammenfassend lässt sich sagen – wenn Sie sich auf einer Social-Media-Plattform anmelden, müssen Sie bereit sein, sich längerfristig zu engagieren. Es ist besser, kein Profil zu haben, als ein Profil zu haben, auf dem sich sechs Monate lang nichts getan hat.
Letzte Tipps: Vertrauen Sie immer Ihrem gesunden Menschenverstand und haben Sie auch Spaß daran, das gehört dazu! Um ein Gefühl für Social Media zu bekommen, könnten Sie mit der Xing-Gruppe des BDÜ beginnen, bei weiterem Interesse können Sie mich gerne auch für Kurse kontaktieren.