Medizinische/pharmazeutische Übersetzungen: Trends 2011-2012

Zunehmendes Auftragsvolumen

Das Jahr 2011 war geprägt von einer stetigen Zunahme des zu übersetzenden Volumens. Es handelte sich dabei sowohl um pharmazeutische als auch medizintechnische Übersetzungen. In jedem Bereich nahm das Volumen zu und zwar kontinuierlich über das ganze Jahr. Dabei waren einige Besonderheiten zu beobachten:

a) zunehmendes Auftragsvolumen in medizinischer Informatik. Hier fand ich besonders bemerkenswert, dass inzwischen auch die Lokalisierung von Apps für das iPad oder andere mobile Plattformen signifikante Auftragsvolumina erzielte.

b) zunehmendes Auftragsvolumen bei PILs und SmPCs, vor allem für Generika

c) immer mehr sogenannte Marktforschungsstudien, bei denen es sich meiner Meinung nach nur um ein neues Marketing-Werkzeug der Pharmaindustrie handelt.

Das Preisniveau für qualifizierte Übersetzungen steigt

Diese Zunahme führt dazu, dass sich die Schere zwischen dem Bedarf an qualifizierten Übersetzern und Auftragsvolumen weiter vergrößert. Da sich immer mehr Kunden (Agenturen) die vorhandenen Ressourcen (Übersetzer) teilen müssen, lassen sich interessante Entwicklungen beobachten. Die Mega-Agenturen, die seit Jahren Druck auf die von den Übersetzern verlangten Preise ausüben, haben es zunehmend schwer, qualifizierte Übersetzer für ihre Projekte zu finden. Sie greifen vermehrt auf Anfänger, fachfremde Übersetzer oder “Alleskönner” zurück. Sie können ihren in den ISO 9001 und EN 15038 Zertifizierungen festgelegten Arbeitsabläufen nicht mehr gerecht werden und liefern zunehmend mangelhafte Qualität. Da immer mehr Kunden nicht mehr bereit sind, dies weiterhin zu tolerieren, können kleinere spezialisierte Agenturen, die ihre Übersetzer fair behandeln, davon profitieren. Das Preisniveau für qualitativ hochwertige Übersetzungen steigt.

Soziale Netzwerke gewinnen an Bedeutung

Dies löst allerdings nicht das Problem, dass zu wenig spezialisierte Übersetzer verfügbar sind. Die Agenturen sind gezwungen, auf der Suche nach “dem Spezialisten/der Spezialistin” neue Wege zu gehen. In der Vergangenheit konnte man sich z. B. im Proz.com Verzeichnis informieren, um einen Spezialisten zu finden. Doch inzwischen reicht das nicht mehr, da nicht wenige Spezialisten Proz verlassen haben oder viele noch nie dort registriert waren. Daher gewinnen soziale Netzwerke wie Xing, Linkedin, Twitter und auch Facebook bei der Rekrutierung neuer Übersetzer immer mehr an Bedeutung, da sich damit zusätzliche Gruppen an potentiellen Dienstleistern ansprechen lassen.

Technisierung hilft, aber Definition von Austauschformaten und Workflows muss weiter vorangetrieben werden

Ein anderer Weg, den Mangel an spezialisierten Übersetzern auszugleichen, besteht in der zunehmenden Technisierung der Übersetzungsprozesse. Hier sind die Übersetzer, die Agenturen und auch die Endkunden mit einer steigenden Zahl von Angeboten konfrontiert, die alle versprechen, die Produktivität und die Qualität der Übersetzungen zu verbessern und, was außerdem gerne betont wird, die Kosten zu senken. Prinzipiell gibt es da drei verschiedene Arten von Systemen, die offenen Systeme (wie SDL Trados oder MemoQ), geschlossene Systeme, wie z. B. Across und die komplett webbasierten System, wie z. B. (Translation Workspace von Lionbridge/Geoworkz). Ich möchte hier für kein System Partei ergreifen, aber für mich sind neben den übersetzungsspezifischen Funktionen zwei Punkte entscheidend. Das System muss es ermöglichen, auch Spezialisten, die das System nicht besitzen, in den Workflow einzubinden. Das mag in anderen Fachgebieten nicht so wichtig sein, im Pharma-/Medizintechnikbereich ist es von extremer Bedeutung. Der zweite Punkt betrifft die Rückverfolgbarkeit (Traceability). Dies ist ein Schlüsselkonzept in der Qualitätssicherung der GxP-Industrien und sollte deshalb auch von allen Sprachdienstleistern, die für diese Branchen arbeiten, konsequent umgesetzt werden.

Die maschinelle Übersetzung hat ihre Versprechungen bisher nicht erfüllt

Die maschinelle Übersetzung (MT) ist mangels einfach zu konfigurierender Systeme und den unzureichend definierten Workflows für die breite Masse der Übersetzer und Agenturen bisher keinerlei Bedrohung/Unterstützung in unserem Fachgebiet. Dies heißt jedoch nicht, dass sich dies in einzelnen hoch regulierten Marktsegmenten nicht schnell ändern könnte. Deshalb müssen wir die Entwicklungen genau verfolgen, um sie nutzen zu können, sobald sie verfügbar werden, bzw. um unsere Arbeitsabläufe entsprechend anzupassen.

Übersetzerverbände sind gefordert, das Aus- und Weiterbildungsangebot auszubauen

Egal wie sehr die Agenturen ihre Suchverfahren verfeinern bzw. wie viel Technologie sie einsetzen, letztendlich wird dies nicht den Mangel an spezialisierten Übersetzern beheben. Hier sind die Übersetzungsverbände (wie z. B. der BDÜ) die Agenturen und vielleicht sogar die Endkunden gefordert, gemeinsam Angebote zur Qualifizierung und Weiterbildung der benötigten Spezialisten zu entwickeln und umzusetzen.

Die Interessenvertretung der Übersetzungsbranche muss gestärkt werden

In diesem Zusammenhang halte ich nichts davon, neue Übersetzerverbände zu gründen (wie z. B. den DVÜD). Dies zersplittert das Know-how und das Engagement für die gemeinsamen Anliegen nur noch weiter. Ganz im Gegenteil, die bestehenden Strukturen müssen gestärkt und notfalls von innen umgekrempelt werden, um sie den modernen Anforderungen anzupassen. Wenn der BDÜ bereit wäre, sich mehr zu öffnen und z. B. die Mitgliedschaft für Quereinsteiger zu erleichtern, oder sogar Agenturen eine Mitgliedschaft zu ermöglichen, könnte daraus eine noch einflussreichere Interessenvertretung für unsere Branche entstehen.

Nachdem Sie sich jetzt durch meine Ideen gekämpft haben (denen Sie möglicherweise nicht zustimmen), möchte ich Ihnen Alles Gute, Glück, Erfolg und Gesundheit für das Jahr 2012 wünschen.

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6 thoughts on “Medizinische/pharmazeutische Übersetzungen: Trends 2011-2012

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