Freitagabend 17:00 Uhr:
Wir sind gerade dabei, Feierabend zu machen, als uns ein neuer Kunde eine E-Mail schickt. Der Kunde, ein Unternehmen, das umfangreiche Krankenhausinformationssysteme implementiert, benötigt bis Donnerstag nächster Woche dringend die Übersetzung verschiedener Dokumente. Wir schreiben dem Kunden sofort eine E-Mail und bitten um Zusendung der Dokumente, um ihm ein Angebot machen zu können. Der Kunde schickt uns folgende Dokumente:
- Beschreibung eines klinischen Softwareprodukts als PDF-Datei mit 37 Seiten, Englisch
- Beschreibung eines Labor-Softwareprodukts als Word-Datei 3750 Worte, Italienisch
- Beschreibung eines Pathologie-Softwareprodukts als Word Datei, 2300 Worte, Englisch
Die PDF Datei stammt von einem Zulieferer und liegt nicht als Word Datei vor. Wir machen uns also sofort an die Arbeit und bearbeiten die PDF Datei mit einem OCR-Programm, um die Wortzahl zu ermitteln. Die Datei hat 8500 Worte. Da es inzwischen Freitagabend 18:00 Uhr ist, beginnt ein Mitarbeiter sofort, in unserer Datenbank geeignete Fachübersetzer zu suchen und der zuständige Projektmanager ruft die Kontaktperson in dem Unternehmen an, um Details des Projektes, die für die Angebotserstellung erforderlich sind, zu klären. Während unser Projektmanager mit dem Kunden spricht, wird das Angebot erstellt. Unser Projektmanager teilt dem Kunden unseren Preis mit und erklärt ihm, dass wir noch heute auf seine Entscheidung warten werden, damit unsere Übersetzer sofort mit der Arbeit beginnen können. Nachdem fast 11.000 Worte aus dem Englischen ins Französische übersetzt werden müssen und wir im Gegensatz zu anderen Übersetzungsdienstleistern, die schon in ihrem Namen den Begriff „perfekt“ verwenden, darauf achten, dass unsere Übersetzungen von qualifizierten Übersetzern durchgeführt werden und nach Möglichkeit ein Übersetzer das komplette Dokument übersetzt, zählt jetzt jede Minute.
Als der Kunde unseren Preis hört, lässt er sich zu der Bemerkung hinreißen, dass die Preise des Sprachdienstleisters, mit dem er normalerweise zusammenarbeitet, um ein Drittel niedriger liegen als unsere. Trotzdem bittet er uns, ein Angebot abzugeben, auf das er dann spätestens am Montag reagieren würde. Unser Projektmanager versucht ihm zu erklären, dass durch die Komplexität und die Sprachpaare, die für diesen Auftrag erforderlich sind, kein günstigerer Preis möglich ist. Wir versuchen, dem Kunden klar zu machen, dass wir heute noch eine Entscheidung erwarten. Denn bei einem Auftrag in diesem Umfang (und außerdem noch sooooo dringend) können wir nicht erst am Montag anfangen, die einzelnen Dateien an die Übersetzer zu verteilen. Theoretisch wäre dies schon möglich, aber dann müsste der Text auf mehrere Übersetzer aufgeteilt werden, wodurch allerdings die Qualität leiden würde. Aber bitte, wenn der der Kunde damit einverstanden ist, können wir das machen. Das war hier jedoch nicht der Fall. Wir brauchen bis Freitagabend eine Entscheidung, um nicht noch 2 Tage zu verlieren.
In der Zwischenzeit haben wir die benötigten Fachleute kontaktiert und abgeklärt, dass sie, sobald wir die Auftragsbestätigung des Kunden haben, sofort mit der Arbeit beginnen können.
Freitagabend 18:30 Uhr:
Der Kunde erhält das Angebot per E-Mail und wir beginnen, die PDF Datei, die bisher nur grob eingescannt wurde, in ein Format zu bringen, in der sie bearbeitet werden kann. Mit der in unserem Arbeitsablauf im Rahmen der Qualitätssicherung erforderlichen Überprüfung, ob der Text in der PDF mit dem Text in der eingescannte Worddatei übereinstimmt, warten wir noch.
Freitagabend 19:00 Uhr:
Eine E-Mail der Assistentin, in der sie schreibt: „Bin im Büro und warte immer noch auf eine Antwort von meinem Chef. Ich habe eigentlich ein wichtiges Date, aber ich bleibe im Büro noch ca. 15 Minuten und melde mich, sobald ich weiß, wie sich mein Chef entschieden hat.“
Freitagabend 20:00 Uhr:
Immer noch keine Antwort vom Kunden. Wir haben beschlossen, aufs Weinfest zu gehen. Blackberry nehmen wir mit. Es liegt auf dem Tisch zwischen den Weingläsern. Plötzlich klingelt (mein Schwein pfeift) es. Gespannt starren wir auf das Blackberry…. Falscher Alarm! So geht es den ganzen Abend. Zwischen Wein und Bier immer wieder lange Gesichter. Aber wir amüsieren uns trotzdem und lassen uns die gute Laune nicht verderben. Ab und zu schreiben wir an die Übersetzer, um sie auf dem Laufenden zu halten. Es wird ein langer, netter Abend. Wir treffen ein paar Freunde und Bekannte, trinken noch ein Bier, ehe wir nach Hause gehen…. Der Kunde hat sich nicht mehr gemeldet!
Samstagmittag 13:30 Uhr
Wir warten immer noch…
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Diskussion
Zeitlicher Aufwand
Dem Kunden ist offensichtlich nicht klar, dass bei einem Projekt, in dem eine große PDF-Datei übersetzt werden muss, ein erheblicher Aufwand erforderlich ist, um die Datei in ein übersetzbares Format zu bringen und um sicherzustellen, dass der Inhalt dieser Datei nicht vom Inhalt der PDF-Datei abweicht. Ein Fachübersetzer schafft im Schnitt 2000-2500 Worte pro Tag, d. h. für die Übersetzung der englischen Texte müssten wir mindestens vier Tage einplanen. Dazu kommt der zeitliche Aufwand für die Überprüfung durch einen zweiten qualifizierten Übersetzer, und die interne Qualitätskontrolle, die unter Anderem sicherstellt, dass der Kunde ein ordentlich formatiertes korrektes Dokument erhält.
Verfügbarkeit der Übersetzer
Es gibt zwar unendlich viele Übersetzer, aber Fachleute, die sich auf medizinische Informatik spezialisiert haben, gibt es nur wenige. Diese Spezialisten sind häufig ausgebucht und nicht so einfach verfügbar. Andere Sprachdienstleister neigen dazu, solche Projekte an weniger oder überhaupt nicht für diesen Bereich qualifizierte Übersetzer zu schicken, bzw. solche Projekte in mehrere kleine Abschnitte aufzuteilen, die von verschiedenen Übersetzern bearbeitet werden. Diese Vorgehensweise lehnen wir vollkommen ab, da jeder Übersetzter seinen eigenen Stil hat und die Übersetzung dadurch an Qualität verliert.
Ein typischer Freitagabend der Übersetzerbranche!
Genau… Aber abwarten, die Folge kommt noch…
Bin gespannt wie ein Regenschirm :-)